Zerbst l Jeder junge Mensch hat ein Recht auf Förderung seiner Entwicklung und auf Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit. So steht es im Sozialgesetzbuch. Auch der Anspruch auf Hilfe zur Erziehung in Form von pädagogischen und therapeutischen Leistungen ist da hinterlegt. Das sind die Grundlagen für die ambulante Erziehungshilfe.

Familienhelfer im Einsatz

Als Familienhelfer sind Antje Leneke und Annett Bergt bei der Diakonie in Zerbst tätig. Sie arbeiten ambulant, gehen zu den Familien. Die Vermittlung erfolgt über das Jugendamt.

Schulschwänzerei, Kindswohlgefährdung, Beschwerden von Nachbarn, versäumte Termine beim Kinderarzt können zum Beispiel Gründe sein, dass das Jugendamt sich einschaltet. Die Familienhelfer nehmen dann Kontakt auf, ein erstes Treffen findet beim Jugendamt oder gleich zu Hause statt. Es wird vereinbart, welche und wie Hilfe erfolgen soll, Ziele werden gesetzt.

„Das Wohl des Kindes steht im Vordergrund“, macht Annett Bergt deutlich. In der Regel ist die Hilfe auf zwei Jahre angelegt und umfasst zwölf bis 40 Stunden im Monat, je nach Festlegung. Das heißt, Antje Leneke und Annett Bergt besuchen die Familien ein- oder zweimal pro Woche.

Hilfe wird benötigt

Dabei sind es überwiegend alleinerziehende Mütter, manchmal auch alleinerziehende Väter, die betreut werden. Viele sind mit der Erziehung, ob mit Kleinkindern oder Teenagern einfach überfordert, sind von Arbeitslosigkeit und Armut betroffen, haben mit Gewalt Erfahrung gemacht oder Partnerschaften sind problematisch. Es liegen psychische Erkrankungen vor, Persönlichkeitsstörungen, Depressionen.

Die beiden Frauen – Antje Leneke ist Diplom-Sozialpädagogin und seit 26 Jahren bei der Diakonie in diesem Bereich tätig, und Annett Bergt ist Diplom-Sozialarbeiterin und Familientherapeutin und seit neun Jahren bei der Diakonie – gehen mit zu Ämtern und Behörden, unterstützen beim Ausfüllen von Anträgen oder Zusammentragen von Dokumenten, die vorgelegt werden müssen, helfen nicht nur bei Erziehungsproblemen und bei der familiären Alltagsbewältigung sondern auch bei der Freizeitgestaltung.

„Viele sind vom Beamtendeutsch einfach überfordert“, sagt Antje Leneke. Auch Annett Bergt würde sich mehr Unterstützung von den Behörden wünschen für solche Familien, die es von ihrer geistigen Entwicklung her nicht schaffen, mit Anträgen und Formularen klar zu kommen. „Mehr Verständnis wäre schön“, sagte sie. Und den Kindern sollte mehr Beachtung geschenkt werden, sie sollten mehr Chancen bekommen. „Im realen Leben fallen viele hinten runter“, so Bergt.

Beide Frauen betreuen derzeit jeweils sieben Familien. In und um Zerbst bis Köthen sind sie unterwegs, bis 1000 Kilometer kommen da monatlich zusammen. Damit sind sie voll ausgelastet. Der Bedarf ist da.

Viele Schicksale

Die Frauen erleben Schicksale bei ihrer Arbeit, und sie sehen, wie schwierig es ist, von Hartz IV zu leben. „Damit kann man keine Familie ernähren“, so Annett Bergt. Auch dass die Kindswohlgefährdung in den letzten Jahren zugenommen hat, konnten sie feststellen.

„Unsere Arbeit ist abwechslungsreich und spannend“, sind sich Bergt und Leneke einig. Man lernt immer wieder neue Menschen und andere Persönlichkeiten kennen. Es dauert meistens eine Weile, bis sich ein Vetrauensverhältnis aufgebaut hat. Man braucht ein dickes Fell, und man muss auch akzeptieren, dass Menschen eigene Wege gehen und ihre Entscheidungen nicht immer nachvollziehbar sind. Es gibt Jahre, die sind sehr hart, erzählt Annett Bergt, wenn man zum Beispiel ein Kind ins Heim geben muss.

Die Bemühungen tragen Früchte, wenn sich etwas ändert in den Familien. „Es ist schön, wenn man sieht, dass die Leute sich etwas annehmen“, sagt Annett Bergt.

Das Büro der ambulanten Erziehungshilfe befindet sich auf der Schlossfreiheit 7, ist aber keine Anlaufstelle, denn die Familienhelferinnen kommen ins Haus.