Kultur steht still

Hoffen auf Normalität

Digitale Ideen für eine andere Art der Kultur müssen her. Doch auf Dauer kann das nicht ausreichen, ist sich Petra Herbst aus Dessau sicher.

Zerbst l Am Telefon klingt Petra Herbst entspannt. Im Gespräch mit der Volksstimme sickert jedoch auch durch, dass die derzeitige Situation besonders für Kulturschaffende prekär ist. Die freischaffende Sän- gerin und Musikpädagogin spricht von stark reduzierten Ansprüchen, nicht nur materieller Art. Aber auch von einer Hoffnung.

„Ab Mitte März wurden bekanntermaßen wegen der Corona-Auflagen und Schutzmaßnahmen sämtliche Veranstaltungen von heute auf morgen gecancelt. Am Ende des Jahres 2020 werden es bei mir insgesamt 30 abgesagte Konzerte sein, die natürlich auch nur zum Teil zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt werden können“, sagt Petra Herbst. Denn für das kommende Jahr haben viele Locations ihre Events bereits fest geplant und Künstler gebucht. Da gibt es kaum noch Terminlücken.

Die in Dessau wohnende Künstlerin hatte in der Vergangenheit schon einige Auftritte in Zerbst. In diesem Jahr allerdings keinen. „In den zurückliegenden Jahren kann ich als Sängerin unter dem Künstlernamen Sibyll Ciel auf eine ganze Reihe wunderbarer Veranstaltungen in Zerbst zurückblicken. Allein in der Essenzenfabrik, dieser mit sehr viel Liebe und Eigeninitiative der Veranstalter geführten Kleinkunstbühne, durfte ich insgesamt sechs Mal meine Kunst zeigen“, erzählt sie. Zuletzt habe sie mit dem in Zerbst ansässigen ehemaligen Pfarrer Heinz Lischke ein Hörbuch mit Gedichten aus seiner Zeit in russischer Kriegsgefangenschaft aufgenommen. Aber aufgrund der Corona-Pandemie fielen viele Projekte schlichtweg aus.

Die Politik wollte schon während der Anfangsphase der ersten Corona-Welle mit Soforthilfen den Kulturschaffenden unter die Arme greifen. Auch im November sollte ihnen mit der sogenannten Neustarthilfe geholfen werden. Dieses Programm wendet sich besonders an Soloselbstständige und Künstler, die wegen fehlender laufender Betriebskosten bisher durchs Förderraster gefallen sind. Allerdings: Hier gibt es maximal 5000 Euro, verteilt auf die Monate Dezember bis Juni 2021 und abhängig von Jahresumsatz.

Da aber besonders Musiker im Durchschnitt nur 14 500 Euro im Jahr verdienen, sei die Unterstützung auch dementsprechend gering, wie Christian Scheibler, Geschäftsführer des Landesverbands Sachsen des Deutschen Tonkünstlerverbands dem Mitteldeutschen Rundfunk sagte.

Auch bei Petra Herbst kamen die Corona-Hilfen nicht an. Sie fiel wie viele andere Künstler auch durch das Raster. Immerhin: Durch den Gesangs- und Sprechunterricht, den sie von zu Hause aus betreibt, kommen ein paar Einnahmen zustande. Und auch ihr Mann habe einen sicheren Job in der Krise. „Aber für das Selbstwertgefühl ist es natürlich nicht so schön, dass viele Auftritte wegfallen.“

Zudem könne der Gesangsunterricht ohnehin nicht mehr in gewohnten Formen stattfinden. „Online klappt es natürlich überhaupt nicht, wenn ich zeitgleich Klavier spiele, denn die Töne kommen ja entweder vom Gesang bei mir oder vom Klavier bei den Schülern nicht an.“ Aus diesem Grund hat sich die freischaffende Sängerin etwas einfallen lassen: Ein Hörspiel, ganz speziell für Kinder.

„Schon im Jahr 2016 entstanden die ersten beiden Hörspielfolgen rund um das Wasserwusel.“ Dann aber starb der zweite Macher hinter der Idee, Lothar Grewling, plötzlich im Jahr 2017. Das„Wasserwusel“ sollte trotzdem in die Öffentlichkeit. „Die Hauptfigur fand immer mehr Fans unter den Kindern und so schrieben der Drehbuch-Autor Stefan Koschitzki und ich bald an der nächsten Folge, die dann aber in der Schublade verschwand. Nach den diesjährigen Corona-Monaten erfuhr ich über die Medien, dass die Investitionsbank Sachsen-Anhalt die Initiative „Kultur ans Netz“ ins Leben gerufen hat. Freischaffende Künstler wie ich konnten sich dort für ein Arbeitsstipendium bewerben.“

Gesagt, getan. Somit wurde in Rekordzeit von nur drei Monaten die neue Folge des Wasserwusels als Hörspiel vertont. „Hauptanliegen des Projektes ist es, die Wasserthematik mit Hilfe dieses Hörspiels den Zuhörern kindgerecht und phantasievoll nahe zu bringen.“ Bis zum Jahresende soll das Hörspiel dann auf Streaming-Plattformen zu finden sein.