Zerbst l Am Sonnabend die letzte Prunksitzung, am Montag der Umzug in Köthen, am Dienstag der große Zapfenstreich und heute bekommt Bürgermeister Andreas Dittmann seinen Rathausschlüssel zurück. Am Aschermittwoch ist ja bekanntlich alles vorbei. Doch selten klingt das so real und endgültig wie in diesem Jahr. Gehen wir kurz zurück zur Prunksitzung am Sonnabend.

Emotionaler Moment

Die Jecken marschieren ein, das Prinzenpaar verliest die Proklamation und die Prinzengarde bringt die volle Friesenhalle so richtig in Wallung. Die Sitzung läuft gerade 20 Minuten, da wird es plötzlich emotional.

Der Präsident des Zerbster Carnevalclubs Rot-Weiß Dietmar Mücke und „Utchen“, wie Ute Borchers liebevoll von ihrer Narrenfamilie genannt wird, werden von der Garde auf die Bühne geleitet, wo inzwischen die gesamte Jeckenschar Aufstellung genommen hat. „Leider ist heute euer letzter offizieller Auftritt“, beginnt Lutz Voßfeldt seine Laudatio auf zwei Legenden des Zerbster Karnevaltreibens.

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Abschied von der Bühne

Dietmar Mücke und sein Utchen ziehen sich von der großen Jeckenbühne zurück. Er legt sein Präsidentenamt nieder und Utchens Tanzbeine wird das Publikum zukünftig wohl nicht mehr zu sehen bekommen.

Unglaubliche 74 Jahre haben beide zusammen für den Karneval gelebt, der Präsident 34 Jahre, Ute „Utchen“ Borchers knapp 40 Jahre. Und jetzt, am heutigen Aschermittwoch soll alles vorbei sein – so endgültig vorbei? Das ist doch nur ein Lied, so eine Phrase. Am 11.11. geht doch dann alles wieder von vorne los...

Gesundheitliche Gründe

Dietmar Mücke zögert einen Augenblick: „Nein, nicht für uns“, antwortet er, „zumindest nicht auf der Bühne“. Beide würden Mitglieder des Clubs bleiben, aber mit den Bühnenauftritten sei es vorbei. Es sind gesundheitliche Gründe, die Dietmar Mücke zu diesem Schritt bewogen haben. „Unbedingt kürzer treten“, lautete der eindringliche Appell seines Arztes. Und so habe er schweren Herzens den Entschluss gefasst, sich aus der aktiven Karnevalsarbeit zurückzuziehen.

„Die Präsidentschaft beim Turnverein ‚Gut Heil‘, zu dem ja auch die Karnevalisten gehören, werde ich vorerst weiterführen und so ist es kein Abschied mit abruptem Ende“, erklärt Dietmar Mücke fast erleichtert. Beide hätten sich die Entscheidung nicht leicht gemacht. „Utchen ist der Abschied viel schwerer gefallen als mir“, sagt der scheidende Präsident.

Lange Geschichte

Ute Borchers ist so etwas wie eine Institution bei den Zerbster Jecken. Sie hat vor knapp 40 Jahren bei den Tanzmäusen angefangen und ist bis jetzt mit den „Crazy Mamas“ aufgetreten. „Sie war unter anderem in der Bütt und hat sich Tanz-Choreographien ausgedacht“, zählt Mücke auf.

Er selbst sei seit 1985 Mitglied bei den Karnevalisten. 1988 habe er dann den Vereinsvorsitz übernommen und wurde 1993 der Präsident des Carnevalclubs Rot-Weiß Zerbst. Mehr als 30 Jahre hat Dietmar Mücke die Geschicke des närrischen Volkes geleitet.

„Dietmar und Utchen haben den Zerbster Karneval geprägt, waren all die vielen Jahre mit Herz und Seele dabei“, würdigt Lutz Voßfeldt Dietmar Mücke und Ute Borchers am Sonnabend bei der Prunksitzung. Tosender, nicht enden wollender Applaus schließt sich an. Und dann folgen Umarmungen, Geschenke, Küsschen – es fließen Tränen.

Berührende Momente

„Das sind schon berührende Momente“, sagt Dietmar Mücke mit etwas Abstand nach der doch sehr emotionalen Prunksitzung am Sonnabend. Mehr als 30 Jahre könne man nicht so einfach abschütteln.

„Wir haben viele schöne Stunden erlebt, auch wenn es immer mal wieder Rückschläge gegeben hat. Arbeit gibt es immer und zu jeder Zeit reichlich, also haben wir nach vorn gesehen und weitergemacht“, blickt er zurück.

Wer in die wohl übergroßen Fußstapfen des Präsidenten Dietmar Mücke treten wird, steht noch nicht fest. „Über die Nachfolge entscheidet der Vorstand nach dem Aschermittwoch“, kündigt Mücke an. Ob er denn einen Wunschkandidaten für seine Nachfolge habe? „Ja, den habe ich“, antwortet er ohne zu zögern. Verraten wolle er den Namen allerdings nicht.

Dietmar Mücke und Ute „Utchen“ Borchers lassen noch nicht ganz los. Sie werden erst einmal passive Mitglieder bleiben und auch bei den Aktivitäten und Prunksitzungen ihrer Karnevalsfamilie immer mal wieder vorbeischauen und nach dem Rechten sehen. Das haben beide ihren Mitstreitern am Sonnabend versprochen.