Zerbst. Von der bedeutenden Stellung der Stadt im Mittelalter zeugen noch heute Umfang und Stärke der Stadtmauer, die in einer Länge von 4,2 Kilometer Zerbst in einem weiten Ring umschließt. Sie ist eine der wenigen mittelalterlichen Stadtbefestigungen im mittel- und norddeutschen Raum, die fast vollständig erhalten geblieben ist. Neben den fünf Stadttoren fand man etwa 50 Wachtürme, Pulvertürme und Wieckhäuser entlang der Stadtmauer. Dazu gehört natürlich auch der Kiekinpott.

Eine wirkliche Herausforderung war das Rätselbild in dieser Woche nicht. Es gibt wohl kaum einen Zerbster, der den über 600 Jahre alten und markanten Turm mit seinem kuriosen Namen nicht kennt. „Das Foto zeigt den Stadtmauerturm mit dem imposanten Namen ,Kiekinpott‘. Nach meiner Auffassung hat der Fotograf im Schlossgarten gestanden und das Foto geschossen“, schreibt Rosemarie Klitsch in ihrer E-Mail und liegt natürlich völlig richtig.

Bürger bauten die Stadtmauer

Der Stadtmauerturm habe eine interessante Geschichte, die bis ins 14. Jahrhundert zurückreicht. „Der Bau der Mauer war Angelegenheit der Bürger. Direkt an der Burgmauer, in unmittelbarer Nähe des städtischen Akenschen Tores, entstand der sogenannte ,Kiekinpott‘, der den Zerbster Bürgern kompletten Einblick auf das Geschehen im Burghof erlaubte, denn sie konnten dem Fürsten ,in den Pott kieken‘. Das passte dem fürstlichen Hof nun gar nicht“, glaubt Rosemarie Klitsch zu wissen, wie der Pott zu seinem Namen kam und ergänzt: „Eine etwas andere Variante der Geschichte, erzählt mit einfachen Worten: Von diesem ,Kiekinpott‘-Stadtmauerturm konnte man direkt in die fürstliche Küche schauen und jeden Tag den Speiseplan des Fürstenhauses erfahren.“

Bilder

Auch die Geschichte, die Robert Walk zum Kiekinpott kennt, klingt ganz ähnlich. „Meines Wissens wurde dem Turm nachgesagt, dass man von dort aus angeblich in das Schloss und dessen Küche sehen konnte. Und so mussten die Fenster und Durchlässe in dieser Richtung zugemauert werden. Ob dies der Wahrheit entspricht ...? Außerdem wurde der Kiekinpott als Ausguck und Wehrturm innerhalb der Stadtmauer genutzt“, schreibt Robert Walk.

Stadt verärgerte Fürstenhaus

Die Topf-Guck-Geschichte kennt natürlich auch Ursula Hackemesser, hält diese jedoch für äußerst unwahrscheinlich. „Die Schlossküche hat sich im Keller befunden, sodass ein Topfgucken eigentlich nahezu unmöglich war“, sagt sie am Telefon. Es seien halt überlieferte Geschichten und Anekdoten.

„Das ist natürlich der allseits bekannte, sagenumwobende Kiekinpott, gebaut oberhalb der Werder-Nuthe“, weiß auch Detlef Teßmann und er erkennt im Hintergrund noch Teile des Akenschen Tores. Auch er glaubt, dass vom Kiekinpott die Schlossküche nicht einsehbar war. „Da mussten die Leute wohl um die Ecke gucken, um die Rezepte zu klauen“, sagt er lachend.

Bauten wehrhafter machen

Die Stadträte bemühten sich damals, die Wehrhaftigkeit der Stadt Zerbst durch entsprechende Bauten zu erhöhen. Doch zu diesem Thema hagelte es stets Protest aus dem Fürstenhaus Anhalt-Zerbst, denn die Schlossanlagen lagen außerhalb der Stadtbefestigung.

Ab dem Jahre 1370 begannen bereits die baulichen Planungen zur Errichtung eines starken Wehrturmes am Knick der Mauer oberhalb der stark wasserführenden Werder-Nuthe. Kurz vor der Fertigstellung entfachte Fürst Siegmund einen gewaltigen Streit um den Standort des Turmes, der nun von den Zerbstern „Kiekindeköken“ getauft wurde.

Rechtsstreit führt zu Geldzahlung

Der Fürst war der Meinung, dass der Turm „zu Hohn und seiner Herrschaft zum Verdruss gebaut!“ wurde. Der Einspruch lautete, der Turm müsse heruntergebrochen werden oder aber, die Stadt solle einen Schadensersatz leisten. Es kam zum Rechtsstreit. Die Stadt verlor und musste an den Fürsten 900 Mark in Silber zahlen. Noch heute wird dieser Wehrturm in abgewandelter Form „Kiekinpott“ genannt.