Zerbst l Die Freude über die nun endlich erfolgte Rückkehr des Leinwandgemäldes „Gnadenstuhl mit den Fürsten Joachim und Wolfgang von Anhalt“ ist Pfarrer Albrecht Lindemann anzusehen. Über fünf Jahrzehnte ruhte das wahrscheinlich als Altarbild für St. Bartholomäi von Lucas Cranach dem Jüngeren geschaffene Werk im Depot des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie. Seine Existenz war fast in Vergessenheit geraten. „Oberkirchenrat Franke war wohl der einzige, der noch wusste, dass es das Bild gibt“, erklärt Lindemann, als er das Gemälde gestern mit Stolz an seinem neuen Platz in seiner angestammten Heimstätte präsentiert.

Sakraler Kunstschatz

Über dem Altar der Winterkirche hat der „sakrale Kunstschatz“ – so Kreisoberpfarrer Jürgen Tobies – vorerst seine Aufstellung gefunden. Angedacht war, das einzigartige Ölgemälde im Bereich des Chores aufzuhängen. „Wegen der Lüftungsschlitze der Heizung geht das nicht“, erläutert Lindemann hinsichtlich der klimatischen Rahmenbedingungen – und nicht ohne die bestehende Hoffnung auf eine Sanierung des Innenraums zu äußern.

Bis 1945 schmückte das Cranach-Werk die Hof- und Stiftskirche St. Bartholomäi. „Wie es den Zweiten Weltkrieg überstanden hat, wissen wir nicht. Aber es ist wohl abgehängt gewesen“, bezieht sich der Pfarrer auf den Brand des Gotteshauses nach dem alliierten Luftangriff auf Zerbst am 16. April.

Bilder

Röntgenaufnahmen

1954 wurde das Bild wiederentdeckt. Allerdings befand es sich mittlerweile in einem sehr schlechten Zustand. Dr. Karoline Danz erzählt von starker Verschmutzung und einer zerstörten Leinwand. Deshalb empfahl der Kunsthistoriker Dr. Werner Schade, das Gemälde zur Restaurierung ins Institut für Denkmalpflege zu geben. Das geschah 1959, wie die Sachgebietsleiterin Restauration des heutigen Landesamtes berichtet. Nach den zu der Zeit üblichen Methoden und Verfahren wurde der „Gnadenstuhl“ konserviert, die marode Leinwand auf eine Hartfaserplatte aufgezogen. Zudem wurden im Rahmen der Untersuchung der Malschichten Röntgenaufnahmen angefertigt und mit der Entfernung der Übermalungen und Retuschen an den freigelegten Bildteilen begonnen.

„Irgendwann schloss sich die Akte für viele Jahre“, führt Albrecht Lindemann aus. Trotz wiederholter Nachfragen tat sich nichts. Von einer Überlastung der Mitarbeiter war die Rede, aber auch von nicht beheizbaren Werkstatträumen, die eine weitere Instandsetzung unmöglich machten. Es seien damals nur sechs Restauratoren gewesen, die für das an Kulturgütern so reiche Sachsen-Anhalt zuständig waren. „Es konnte nicht alles gleichzeitig bearbeitet werden“, erklärt Dr. Danz.

Ein Glücksfall

Der 500. Geburtstag von Lucas Cranach, dessen Leben und Wirken das Land in diesem Jahr mit einer erfolgreichen Ausstellung würdigte, war ein Glücksfall für das fürstliche Doppelporträt aus Zerbst. Im Zuge dessen wurden Mittel frei, um das Gemälde zu restaurieren. „Als Kirchengemeinde hätten wir das nicht finanzieren können“, dankt Albrecht Lindemann allen Geldgebern sowie der Tischlerei Adolph, die binnen 24 Stunden ein hölzernes Stativ für das Bild konstruierte.

Nun ruht es nicht länger im Depot, sondern kann der Öffentlichkeit gezeigt werden. „Das ist wichtig“, meint Kultusminister Stephan Dorgerloh (SPD). Er spricht von einem „wunderbaren Cranach“, der von der Reformationsgeschichte in Anhalt erzählt und bildhaft den konfessionellen Wandel widerspiegelt.

So ist im lutherisch geprägten Original hinter den beiden Fürsten die Heilige Dreifaltigkeit zu sehen, die mit dem Aufkommen der calvinistischen Strömung hinter einem dunkelgrünen Vorhang verschwand. In der Mitte des 19. Jahrhunderts folgte die letzte Veränderung des Motivs durch Hofmaler Beck. „Es ist ein Bild gelebten Glaubens“, formuliert es Jürgen Tobies.

Und dieses war im Original vermutlich deutlich größer, wie Restauratorin Grit Jehmlich darlegt. „Wir gehen davon aus, dass die Fürsten ursprünglich in knieender Haltung abgebildet waren.“ Inwieweit es wirklich halbrund war, ist hingegen unklar.

Auf alle Fälle handelt es sich um ein faszinierendes Werk, das sich nicht mit einem flüchtigen Blick erfassen lässt. „Man muss sich mit ihm auseinandersetzen“, erklärt Karoline Danz. „Je näher man herantritt, desto tiefer kann man in das Bild eindringen“, sagt Grit Jehmlich.