Zerbst l Es gibt sicher keinen Zerbster, der noch nicht sein Glück bei der Pferdemarktlotterie versucht hat. Vor genau 142 Jahren wurde sie zum ersten Mal veranstaltet. Und zum ersten Mal seit der Neuauflage 1947 wird es in diesem Jahr keine Lose geben, nicht vor der Sparkasse, nicht vor dem Rathaus und auch nicht, wie sonst üblich, in vielen Zerbster Geschäften. Der veranstaltende Verkehrsverein hat mitgeteilt, dass die 119. Zerbster Pferdemarktlotterie in diesem Jahr nicht stattfinden wird.

Rücksicht auf Corona-Pandemie

„Die Entscheidung ist uns nicht leicht gefallen“, sagt Jürgen Dornblut, Vorsitzender des Zerbster Verkehrsvereins. Doch man sei einhellig zu dem Schluss gekommen, dass die Pferdemarktlotterie in diesem Jahr mit Rücksicht auf die derzeitige Lage, begründet durch die Corona-Pandemie, nicht veranstaltet werden könne.

Ein Novum, denn nur während der Weltkriege und der Inflation musste die beliebte Lotterie mit den vielen Gewinnen immer wieder pausieren. Sogar 1961, als das Heimatfest sowie das Reit- und Fahrturnier wegen des Ausbruches der Maul- und Klauenseuche abgesagt werden mussten, hat die 60. Jubiläumslotterie stattgefunden, erster und zweiter Preis waren jeweils ein Trabant.

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Lotterie lebt von Sponsoren

„Die Lotterie lebt von Sponsoren. Alle Preise werden von Unternehmen, Gewerbetreibenden und Geschäften der Einheitsgemeinde gestiftet beziehungsweise zur Verfügung gestellt“, erklärt Dornblut. Nachdem nun viele Geschäfte und Gastronomiebetriebe wegen der Ausbreitung des Coronavirus schließen mussten, könne man nicht von Firma zu Firma gehen und um Preise für die Lotterie bitten.

„Noch ist nicht einmal klar, wie lange die Beschränkungen aufrecht erhalten werden müssen. Den Firmen und Geschäften gehen teils durch Schließungen immense Einnahmen verloren, Firmen schicken ihre Mitarbeiter in Kurzarbeit, da haben die Gewerbetreibenden gewiss andere Sorgen, als Preise für die Pferdemarktlotterie bereitzustellen“, erklärt der Vereinsvorsitzende. Dornblut: „Wir zollen damit der aktuellen und durchaus schwierigen Situation Respekt, die die vielen Zerbster Firmen jetzt überstehen müssen“, betont er.

Bollenmarkt

Und daraus ergebe sich ein weiterer Schritt, den der Verein jetzt gehen müsse. „Auch der traditionelle Bollenmarkt im Herbst wird in diesem Jahr nicht stattfinden“, informiert Dornblut. Die beiden Stadtfeste – Spargelfest und Bollenmarkt – würden vorrangig aus den Einnahmen der Lotterie finanziert. „Wir haben schweren Herzens entschieden, die noch vorhandenen Mittel für das Spargelfest im kommenden Jahr zu belassen.

Der Verkehrsverein feiert 2021 sein 30-jähriges Bestehen. „So können wir im Jubiläumsjahr wieder voll durchstarten, mit dem Spargelfest, der Pferdemarktlotterie und natürlich auch mit dem Bollenmarkt“, blickt Dornblut in die Zukunft. Der Verkehrsverein hofft auf das Verständnis der Zerbster für die schmerzlichen Entscheidungen in dieser außergewöhnlichen und schwierigen Situation für alle.

Reit-, Fahr- und Springturnier

Der Reit- und Fahrverein St. Laurentius Zerbst (RFV) hat hingegen noch keine Entscheidung getroffen, ob das traditionelle Reit-, Spring- und Fahrturnier, das in diesem Jahr immerhin in die 64. Auflage geht, ausgetragen wird. „Auch wir sind natürlich auf Sponsoren angewiesen“, sagt der Vereinsvorsitzende Torsten Niese auf Volksstimme-Nachfrage. Die Vereinsmitglieder seien sich natürlich bewusst, wie schwierig die Lage momentan sei. „Wir wollen den April noch abwarten, sehen wie sich die Lage in den kommenden Wochen entwickelt und dann Ende April entscheiden, ob wir das 64. Reit-, Spring- und Fahrturnier stattfinden lassen oder absagen“, so Torsten Niese.

Schützenfest

Die Zerbster Schützengilde macht das Ausrichten des diesjährigen Schützenfestes vom Stattfinden des Heimatfestes abhängig. „Es heißt ja Zerbster Heimat- und Schützenfest. Findet das Heimatfest statt, werden wir selbstverständlich auch mit dem Schützenfest an den Start gehen“, sagt Schützengilde-Vorstandsmitglied Volker Pietrek. Müsse man das Heimatfest absagen, so werde es natürlich auch kein Schützenfest geben.

Heimatfest

„Wir haben mit den Schaustellern gültige Verträge. Auf Grund der gut funktionierenden Strukturen des Vergnügungsparkes sind wir in der Lage, zumindest diesen Teil des Zerbster Heimat- und Schützenfestes auch relativ kurzfristig umzusetzen“, erklärt Bürgermeister Andreas Dittmann (SPD). Das sei bei der Pferdemarktlotterie und bei den Pferdesportturnieren so nicht möglich. „Darum habe hoffentlich nicht nur ich volles Verständnis dafür, wenn diese Veranstaltungen in diesem Jahre mal nicht stattfinden“, wirbt der Rathauschef auch bei den Zerbster um Verständnis für diese Entscheidungen.

Aufgrund der langen Vorlauffrist der Schausteller- und Gastronomieverträge wäre eine Absage des Festes insgesamt nur auf Grund behördlicher Auflagen möglich, so wie es derzeit auf Grund der Eindämmungsverordnung des Landes gegeben ist. „Das noch im Vorfeld abzuklären, gehört zu den Aufgaben, die derzeit zu erledigen sind“, sagt Dittmann.

Abwarten ist angesagt

Bis zum August seien es noch einige Wochen. „Wenn sich die Lage bis dahin entspannt haben sollte, was wir wohl alle hoffen, wäre es gut, mit der Rückkehr zu einem Stück Normalität auch wieder Ablenkung und Entspannung beim Heimatfest finden zu können, auch wenn allen klar sein muss, dass es kein Heimatfest wie in den Vorjahren wäre“, betont der Bürgermeister.