Zerbst l „Augenscheinlich haben wir noch Kapazitäten“, bezieht sich Markus Pfeifer auf die Auslastung der Zerbster Kitas zum Stichtag 7. August. „Allerdings ist das nur eine Momentaufnahme. Es gibt Wartelisten“, betont der zuständige Mitarbeiter der Stadtverwaltung im Sozialausschuss. Denn der Blick auf die blanken Zahlen lässt den Eindruck entstehen, dass es durchaus ausreichend Plätze in den Einrichtungen gibt. Probleme dürfte es demnach nicht geben.

Doch das Gegenteil ist der Fall. Bernd Wesenberg (Grüne) erzählt auf der Ausschusssitzung von Polen, Bulgaren und Rumänen, die in der Region arbeiten wollen, aber nur schwer einen Betreuungsplatz direkt in Zerbst finden. Er beruft sich auf Mario Gabler, der sich bei der Zerbster Diakonie um die jungen Migranten kümmert. Die Erwachsenen berät und betreut seine Kollegin Irina Singer.

Rechtzeitig Antrag stellen

Die Beiden kennen viele eingewanderte Familien, die vor der Schwierigkeit stehen, dass sie keinen Kita-Platz für ihren Nachwuchs haben. „Den Frauen, die auch zu mir in die Schwangerenberatung kommen, sage ich immer: Stellen Sie rechtzeitig einen Antrag“, sagt Irina Singer im Gespräch mit der Volksstimme. Denn sie weiß um die mitunter langen Wartelisten.

„Irgendeine Lösung muss her“, findet Mario Gabler. Seit Jahren sei die Situation unverändert, kritisiert er. „Die meisten Migranten, die mit Familie zu uns kommen, sind keine Arbeitsnomaden. Sie wollen ihren Lebensmittelpunkt hierher verlegen, da sie in ihren Heimatländern keine Perspektive sehen“, weiß er. Vor allem um ihren Kindern eine Zukunftschance zu geben, wollen sie hier auch arbeiten und zwar beide Elternteile. Das gelingt jedoch nur, wenn sie einen Kita-Platz haben. „Sie stehen mit dem Rücken an der Wand“, sagt Mario Gabler. Er erzählt von den schwierigen Arbeitsverhältnissen mit Stechuhr, Schichtsystem und niedrigen Löhnen, in dem sich die Frauen und Männer aus den osteuropäischen Ländern befinden.

Fehlendes Auto als Problem

Ein Kita-Platz unmittelbar in der Stadt wäre für sie am idealsten, doch der ist aber auch am schwierigsten zu bekommen. „Deshalb ist die Einrichtung in Güterglück immer meine erste Adresse“, sagt Mario Gabler. Der Ort sei nur fünf Kilometer von Zerbst entfernt und zur Not mit dem Zug erreichbar. Weiter entfernte Kitas wie jene in Nedlitz oder Deetz beispielsweise würden keine praktische Alternative darstellen. Zumal viele Migranten gar kein eigenes Auto besitzen, wie Mario Gabler schildert.

Als er wegen des Problems vor eineinhalb Jahren in Begleitung mehrerer Kinder bei Bürgermeister Andreas Dittmann (SPD) vorsprach, habe jener unter anderem die Einrichtung eines Fahrdienstes vorgeschlagen. „Wenn dies über die Diakonie laufen würde, würde es pro Tour 2,50 Euro kosten, was am Tag 5 Euro je Kind wären“, hat Mario Gabler mal ausgerechnet. Für jemanden, der zu seinem geringen Lohn ergänzende Leistungen erhalte, wäre das finanziell nicht zu stemmen.

Kita-Platz wichtig für Integration

Irina Singer kann sich indes nicht vorstellen, wie ein Fahrdienst für Zwei- oder Dreijährige funktionieren soll. Gleichzeitig führt sie noch einen weiteren wesentlichen Aspekt an, weshalb ein Kita-Platz für die in der Region benötigten ausländischen Arbeitskräfte wichtig wäre: zur Integration. „Durch Spielen lernt ein Kind deutlich schneller die Sprache“, sagt Irina Singer. Bis es in die erste Klasse komme, müsse es diese eigentlich beherrschen, um nicht gleich abgehängt zu werden, gibt sie zu bedenken.

Die Schuld für die Situation geben die Beiden nicht den Einrichtungen. „Die Kita-Leiterinnen bemühen sich“, sagt Irina Singer. „Aber der Kreis tut nichts“, ärgert sie sich. Dieser ist in der Verantwortung, ausreichend Kita-Plätze zur Verfügung zu stellen und den notwendigen Bedarf zu ermitteln – die nächste Aktualisierung erfolgt im Landkreis Anhalt-Bitterfeld voraussichtlich 2021, wie Pressesprecher Udo Pawelczyk auf Volksstimme-Nachfrage mitteilt.

Entscheidung liegt beim Einzelnen

„Bei der Betrachtung der Bedarfe und Platzkapazitäten wird auf das komplette Stadtgebiet Zerbst und nicht auf die Kernstadt Zerbst abgestellt“, erläutert er. Zum 1. Januar 2020 habe die Auslastungsquote der Kitas bei 92,96 Prozent gelegen, ein Jahr zuvor waren es 91,16 Prozent. Zugleich weist Pawelczyk darauf hin, dass der Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz als erfüllt gelte, wenn ein Platz in einer zumutbar erreichbaren Einrichtung angeboten werde.

„Es muss die Entscheidung jedes einzelnen sein, wo er sein Kind betreuen lässt“, meint Mario Gabler und bezieht die heimische Bevölkerung klar mit ein. Ihm ist bewusst, dass Zerbster Familien mitunter die gleichen Schwierigkeiten haben, einen Kita-Platz zu finden.

Herkunft sollte keine Rolle spielen

Bei der Vergabe der Plätze sollte die Herkunft der Kinder keine Rolle spielen, spricht sich Andreas Dittmann für eine Gleichbehandlung alle Eltern aus. Problemfälle würden sich allerdings am einfachsten lösen lassen , „wenn sie schneller an uns und an das Jugendamt herangetragen werden. Nur so können wir im Zweifelsfall helfen“, erklärt Dittmann gegenüber der Volksstimme. Konkrete Zahlen, wie viele Kinder aus Migrantenfamilien überhaupt betroffen sind, will sich auch der Sozialausschuss zuarbeiten lassen, um zu schauen, was man tun könnte.