Dessau/Köthen/Zerbst l Welche Rolle spielt die Herkunft von Tatverdächtigen in Polizeiberichten? Herbert Reul (CDU), Innenminister von Nordrhein-Westfalen, plant, dass seine Beamten grundsätzlich die Nationalität von Verdächtigen nennen sollen. Auf diese Weise soll die Transparenz erhöht werden, so das erklärte Ziel.

Keine Vorurteile schüren

In Sachsen-Anhalt und damit auch in Anhalt-Bitterfeld und Dessau wird die Herkunft von Verdächtigen weiterhin nur in begründeten Ausnahmefällen von der Polizei genannt. „Die Zugehörigkeit soll in der Regel nicht erwähnt werden, es sei denn, es besteht ein begründetes öffentliches Interesse“, teilte Danilo Weiser, Sprecher im Magdeburger Innenministerium mit. Denn durch die Berichterstattung sollen, da es nur um Verdächtige geht, keine Vorurteile gegenüber Minderheiten geschürt werden.

Damit orientiert sich die Polizei sowie Journalisten auch am Pressekodex. Ein öffentliches Interesse könne demnach bestehen, wenn es sich um herausragende Straftaten wie Mord oder Terrorismus handelt oder die Biographie des Verdächtigen für den Fall bedeutend ist.

Drogen in Unterkunft gelagert

Beispiel: Im Juni diesen Jahres nahm die Polizei einen 19-jährigen Afghanen fest, der ein Drogendepot unterhalten haben soll. Relevant wurde seine Nationalität deshalb, weil er die entsprechenden Betäubungsmittel in einer Unterkunft für Asylbewerber lagerte. Zudem soll er für einen internationalen Drogenring in Magdeburg gearbeitet haben.

„In Dessau-Roßlau und Anhalt Bitterfeld wird von Fall zu Fall beziehungsweise nach der begangenen Straftat entschieden, ob die Herkunft des Tatverdächtigen öffentlich gemacht wird“, sagt Ralf Moritz, Pressesprecher der Polizeiinspektion Dessau-Roßlau auf Nachfrage. Wie Danilo Weiser schon ausgeführt hat, müsse die Herkunft des Tatverdächtigen eine gewisse Relevanz haben.

Kriminalstatistik

Laut Kriminalstatistik führten die Ermittlungen im Zuständigkeitsbereich der Polizeiinspektion Dessau-Roßlau, wozu auch Anhalt-Bitterfeld, Dessau-Roßlau und Wittenberg gehören, zur Feststellung von 10.164 Tatverdächtigen, davon 4118 im Polizeirevier Anhalt-Bitterfeld. Von den 10.164 waren 1437 nicht deutsche Tatverdächtige – 2017 waren es 1355. Der Anteil der nicht deutschen Tatverdächtigen an der Gesamtzahl der Tatverdächtigen betrug damit 14,1 Prozent und ist gegenüber 2017 um 0,8 Prozentpunkte gestiegen.

Von den im Polizeirevier Anhalt-Bitterfeld 2018 ermittelten 4118 Tatverdächtigen waren 569 nicht deutscher Herkunft – 2017 waren es 504. Der Anteil an der Gesamtzahl in Anhalt Bitterfeld betrug somit 13,8 Prozent, bei einem Ausländeranteil an der Gesamtbevölkerung von knapp vier Prozent und ist gegenüber 2017 um 1,5 Prozentpunkte gestiegen.

Anders ausgedrückt: Bei rund 85 Prozent der begangenen Straftaten im gesamten Bereich der Polizeiinspektion Dessau-Roßlau sind deutsche Bürger Tatverdächtige.

Überproportionaler Anteil

In ganz Sachsen-Anhalt liegt der Anteil von Ausländern an den Verdächtigen bei 18,8 Prozent, bei einem Ausländeranteil an der Gesamtbevölkerung von 4,9 Prozent. Der überproportionale Anteil an den Verdächtigen kann nach Angaben von Kriminologen allerdings an der jüngeren und männlicheren Bevölkerungsstruktur von Ausländern liegen.