Ronney l „Ich mag es nicht, wenn welche sich streiten“, sagt die zwölfjährige Marie Franka Hemmerling. Das passiert häufiger in ihrer Klasse. Sie hat sich schon getraut, dazwischen zu gehen. Manchmal. „Ich möchte die Konflikte zwischen den anderen lösen“, erklärt sie. Grund genug für die Sechstklässlerin, bei den Streitschlichtern mitzumachen. Schon in der 5. Klasse war sie dabei.

Auch zu Hause anwenden

Neu in der Gruppe ist Emely Kahlo. „Ich war selber schon in einige Konflikte verwickelt“, erzählt sie. Jetzt will die Sechstklässlerin anderen helfen, Konflikte zu lösen. Genauso wie David Niepsch. Beim Spielen sei er schon immer der gewesen, der schlichtet. „Es macht mir Spaß zu helfen“, meint der Zwölfjährige, der ebenfalls in die 6. Klasse geht.

Spaß macht es auch Lennox Gruppe. Der Zwölfjährige will das, was er bei den Streitschlichtern lernt, auch zu Hause anwenden, um Konflikte zu lösen, während Sechstklässler Finn Kegel hofft, selber ein bisschen ruhiger zu werden und nicht mehr so schnell auszurasten.

Zehn Köpfe zählt die Streitschlichtergruppe der Zerbster Sekundarschule Ciervisti. Alles Fünft- und Sechstklässler, die erst am Anfang ihrer Aufgabe stehen. Die Zehntklässer, die noch im vergangenen Schuljahr dazu gehörten, wurden im Sommer verabschiedet, erzählt Lehrerin Annegret Ahrendt, die gemeinsam mit der Pädagogischen Mitarbeiterin Marita Rose das Ganztagsangebot betreut. Im Idealfall sind die Schüler von der 5. bis zur 10. Klasse dabei.

Projekt gibt es zehn Jahre

Die Streitschlichter gibt es an der Schule schon mehr als zehn Jahre. Und auch die Streitschlichterschulung einmal im Jahr hat Tradition. Drei Tage verbringt die Gruppe gerade im Umweltzentrum Ronney. Ein umfangreiches und abwechslungsreiches Programm haben die Mädchen und Jungen da.

Unter dem Motto „Schlichten statt streiten!“ geht es diesmal darum, die Grundlagen für das Schlichten von Streiten zu festigen. Worum geht es bei der Streitschlichtung? Welche Situation ist entstanden? Wie ist sie entstanden? Welche Bedürfnisse wurden bei den Parteien verletzt? Wie fühlen sich die Betroffenen, und welche Lösungen kann es geben? Darüber wird gesprochen, es werden Arbeitsblätter erarbeitet und ausgewertet.

Ein wichtiger Bestandteil der Ausbildung sind immer die Rollenspiele, in denen Konfliktsituationen nachgestellt werden. Da haben die Schüler die Gelegenheit, sich in andere hinein zu versetzen und praktisch zu trainieren, wie Streitschlichter agieren sollen.

Gewalt ist keine Seltenheit

Deren Einsatz ist auf jeden Fall gefragt an der Zerbster Sekundarschule. Beleidigungen und Prügeleien sind keine Seltenheit. Zugenommen haben die Beleidigungen im Chatt, hat Annegret Ahrendt die Erfahrung gemacht.

Gibt es Konflikte, können sich die Schüler selber an die Streitschlichter wenden oder werden an sie verwiesen. Immer zu Beginn der Mittagspause, außer Freitags, sind die „diensthabenden“ Streitschlichter anzutreffen. „In den 5. bis 7. Klassen wird das gut angenommen“, so Annegret Ahrendt. In den höheren Klassen sind dann mehr die Schulsozialarbeiter gefragt.

Bei den Streitschlichtern mitzumachen, ist beliebt, wie die Gruppenstärke beweist. Einmal in der Woche kommen alle Teilnehmer zusammen, um über alles zu sprechen, neues zu vermitteln, sich auszutauschen. „Anliegen ist es auch, dass die Schüler etwas für sich selber mitnehmen“, erläutert Marita Rose. Streitschlichter zu sein, ist stark persönlichkeitsbildend. Für die Zehntklässler gab es zum Abschluss ihrer Streitschlichtertätigkeit sogar ein Zertifikat. „Das sehen Arbeitgeber gerne, dass Jugendliche in der Lage sind, auch mal den Mund auf zu machen und sich behaupten können“, weiß Marita Rose.

Persönlichkeit bildet sich

Um dahin zu kommen, muss der ein oder andere auch angestupst werden. Man könne nur staunen, wie sich ruhige Kinder auch durchsetzen können, haben die beiden Betreuerinnen beobachtet.

Die drei Tage in Ronney sind für die Gruppe ein Höhepunkt. Gemeinsame Erlebnisse, zu der auch eine Wanderung mit Überraschungen gehört, oder das gemeinsame Tun zum Vorbereiten der Mahlzeiten schweißt zusammen. „Wir kommen gern nach Ronney“, sind auch die Pädagoginnen von dem Gesamtpaket im Umweltzentrum begeistert. Dank des Albert-Schweitzer-Familienwerkes konnte wieder der Transport ermöglicht werden. Aber auch der Förderverein der Schule unterstützt das Projekt.