Zerbst l „Ich habe nie bereut, Bibliothekarin zu sein“, sagt Iruta Völlger. Lächelnd schaut sie zu den hohen Spitzbogenregalen, die in den gotischen Kreuzgewölben des früheren Franziskanerklosters passgenau eingebaut sind. Bis an die Decke reihen sich Handschriften und Drucke aus über zwölf Jahrhunderten dicht aneinander.

Mutter hatte anderes im Sinn

„Meine Mutter wollte eigentlich, dass ich Lehrerin werde“, verrät sie. Doch es kam anders. Da Iruta Völlger schon immer gern las, folgte sie dem Ratschlag ihrer Lehrerin Frau Thiele und schlug nach dem Abitur 1974 am Zerbster Francisceum eine andere berufliche Laufbahn ein. Eine, die sie später an ihre ehemalige Schule zurückführen sollte. Dort, wo sie sich einst auf ihre mündliche Prüfung vorbereitete, sollte einmal ihr Arbeitsplatz sein.

In Leipzig nahm Iruta Völlger an der Fachschule für wissenschaftliches Bibliothekswesen ein dreijähriges Studium auf. Nach Zwischenstationen in der Bibliothek des Instituts für Impfstoffe Dessau und der Zerbster Buchhandlung Gast fing die Mutter zweier Kinder am 1. Oktober 1985 in der Francisceumsbibliothek an. „Damals handelte es sich noch um die wissenschaftliche Abteilung der Stadt- und Kreisbibliothek“, erzählt die 63-Jährige. Erst 1991 – unter dem damaligen Direktor Dr. Eberhard Schmaling – bekam die bibliophile Schatzkammer ihren alten Namen wieder. Träger ist nach wie vor der Kreis.

Vielseitiger Bestand

Der Bestand ist enorm und äußerst vielseitig. Iruta Völlger erzählt von Pergamenthandschriften, Leichenpredigten, Lutherdrucken und den Anhaltinen, die noch immer ständig erweitert werden. Auch zahlreiche Werke mit theologischen, pädagogischen oder naturwissenschaftlichen Inhalten beherbergt die Bibliothek. „Mein Lieblingsbuch ist das Herbarium der Elisabeth Blackwell von 1750“, zeigt die gebürtige Zerbsterin mit der Leidenschaft für Kräuterkunde auf das Standardwerk für Pharmazeuten und Mediziner. „Zwei Bände sind mit handcolorierten Kupferstichen illustriert“, blättert sie einen Band auf.

Vieles selbst angeeignet

„Mein ehemaliger Kunstlehrer Hans Schulze, der die Bibliothek, als ich anfing, betreute, hat mir Vieles gezeigt und mich eingearbeitet“, sagt Iruta Völlger. Von Margitta Benecke, die seit 1979 dort angestellt war, erhielt sie ebenfalls Tipps. „Viel habe ich mir auch im Selbststudium beigebracht, über die Geschichte des Francisceums, über Zerbst und Anhalt“, erklärt Iruta Völlger. Als „wunderbaren Prozess des Lernens“ beschreibt die 63-Jährige ihre Arbeit, die sie vermissen wird. „Man hat mit Menschen vielseitigster Couleur zu tun, mit Studenten und Professoren, mit Chronisten, Familienforschern oder Musikwissenschaftlern“, listet sie auf.

Genossen hat Iruta Völlger immer die Führungen. „Diese machen den Beruf interessant. Da trifft man Leute, von denen man was lernen kann.“ Oder gesellige Momente erlebt. Den Besuch einer Reisegruppe aus Wuppertal wird Iruta Völlger nicht vergessen. „Es handelte sich um den ältesten Offiziersverein Deutschlands“, erinnert sie sich. Mit ihren Frauen reisten die Herren an, die vorab angefragt hatten, ob das Bibliotheksteam nicht Zerbster Wurstspezialitäten besorgen könnte. Sie würden den Wein mitbringen. So klang diese Führung am kalten Büfett aus, das auf einem Tapeziertisch angerichtet wurde, den die Gruppe ebenfalls dabei hatte.

Goldenes Bambi

Eine weitere Kuriosität ist zwischen den historischen Schriften zu entdecken: ein goldenes Bambi. „Das hat uns ein älterer Leser überreicht, weil wir ihn so gut beraten und die richtigen Bücher rausgesucht haben“ – mit „wir“ meint Iruta Völlger ihre Kollegin Petra Volger.

Ihr zur Seite wird künftig Elke Klemme stehen – die Nachfolgerin von Iruta Völlger, die ab 1. September offiziell in den Ruhestand geht. „Dann habe ich mehr Zeit zum Schmökern“, sagt sie. „Und zum Reisen“, erzählt die 63-Jährige von Südtirol, wohin es nun als erstes mit ihrem Partner geht, einem „Weltenbummler“. Und natürlich wird sie immer mal wieder in die Francisceumsbibliothek zurückkehren.