Heimatgeschichte

Serie: Zerbster Straßen im Wandel der Zeit - Alte Brücke

Straßen entwickeln nicht selten ein gewisses Eigenleben. Die Geschichte der Straßen sind auch die Geschichten ihrer Bewohner, der ansässigen Firmen und Geschäfte. Einige dieser Geschichten von Zerbster Straßen wollen wir in den kommenden Wochen erzählen.

Nach der Wende wurde die Alte Brücke mit einem Gesamtaufwand von 1,5 Millionen Euro  in drei Bauabschnitten grundhaft saniert und umgebaut. Sie ist heute Fußgängerzone und für Radfahrer frei befahrbar.
Nach der Wende wurde die Alte Brücke mit einem Gesamtaufwand von 1,5 Millionen Euro in drei Bauabschnitten grundhaft saniert und umgebaut. Sie ist heute Fußgängerzone und für Radfahrer frei befahrbar. Fotos: Thomas Kirchner

Zerbst - Von Helmut Hehne und Thomas Kirchner

Im Norden die mächtige Hallenkirche St. Nikolai mit Handelsplätzen und regem Warenverkehr. Auf dem südlichen Areal eine Erhebung mit 69 Metern über dem Meeresspiegel, die Breite. Zwischen den beiden ersten Besiedlungen war eine Verbindung durch das Nuthe-Niederungsgebiet, die bis heute als „Alte Brücke“ hinlänglich bekannt ist.

2003 wurden bei Bauarbeiten archäologische Untersuchungen durchgeführt. Archäologen fanden Hinweise auf frühe Ansiedlungen und datierten diese auf das Jahr 1156.  Weitere Untersuchungen ergaben, dass bis zum Jahre 1946 seit Alters her drei Arme der Nuthe durch die Mitte der Stadt, also unmittelbar unter dem Damm der Straße Alten Brücke, flossen. Unter den häufig angetroffenen Gewerken befanden sich Schuhmacher, Böttcher, Gerber und eine Rotgießerei.

Wirtshäuser mit kuriosen Namen

Um 1324 trat die Alte Brücke erstmals in Erscheinung und nannte sich „pons antiquus“ (Brücke altehrwürdig) – eben Alte Brücke. Ein weiterer Hinweis ergibt sich aus den Stadthandbüchern aus dem Jahre 1480: „Up die Aldebrugge up die midelste Nuth, dar dat so enge is.“ Nun stellt sich die Frage, warum es dort so eng gewesen ist. Etwa in der Mitte der Alten Brücke befindet sich eine bauliche Ausweitung, nördlich und südlich umflossen von zwei Nuthe-Armen. Den Platz nennen die Zerbster Rummelsburg oder Rammelsburg. Ob es da tatsächlich je eine kleine Burg gegeben hat, bleibt allerdings offen. Auf alle Fälle hat sich der kleine Platz bis heute erhalten. Zu DDR-Zeiten wurde die Stelle umgebaut und entstanden ist der „Kleine Markt“.

Mit dem Aufblühen der Wirtschaft im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Alte Brücke von der Hauptverkehrsstraße zu einer vielbesuchten Geschäftsstraße. Auch die Zerbster Pferdebahn war von 1891 bis 1928 vom Markt kommend in Richtung Bahnhof auf der Alten Brücke unterwegs. Es entstanden Gaststätten mit außergewöhnlichen Namen wie 1875 „Zur Klappe“ oder auch „Klappen Schmidt“ genannt. Hier wurden noch nach 1945 im hinteren Teil des Grundstücks Spirituosen hergestellt.

Bis 1912 konnte man in den Gasthof „Zum goldenen Stern“ einkehren. Bis etwa 1880 gab es den Gasthof mit dem schönen Namen: „Zum goldgekrönten Adler“. Natürlich darf die Schlosskonditorei, von den Zerbstern liebevoll „Schloko“ genannt, nicht unerwähnt bleiben. Seit 1840 hat das traditionsreice Caféhaus, das seit 1972 von der Konditorfamilie Hoffmann geführt wird, auf der Alten Brücke seinen Platz – bis heute.

Straße entwickelte sich zur Einkaufs- und Flaniermeile

Viele kleine Modegeschäfte, Handwerksbetriebe und Einzelhändler siedelten sich an: der Eisenwarenhandel von Wiedemann, das Fischgeschäft Breitfeld oder das Kaufhaus Schocken, wo es schon einen Fahrstuhl gegeben hat. Das Blumengeschäft von Jünemann war bekannt, weil er einen wunderschönen Gedichtband über Zerbst herausgegeben hatte. Etwa in Höhe der heutigen Sparkasse war das Porzellangeschäft von Hille. Er war auch Porzellanmaler, beispielsweise für Reservistenkrüge und Pokale der Schützengilde. Die Alte Brücke war auch immer die Flaniermeile der jungen Zerbster – sehen und gesehen werden.

Dann näherte sich die grässliche Fratze des Zweiten Weltkrieges. Und noch vor Ende des Krieges, am 16. April 1945, fielen 116 Tonnen Spreng- und 90 Tonnen Brandbomben auf die Stadt. Die Feuersglut vernichtete auch die historische und engbebaute Alte Brücke. Die immensen Zerstörungen und dunklen Erinnerungen sind bis heute im Gedächtnis der älteren Zerbster eingebrannt.

Nach dem Krieg kehrt langsam das Leben zurück

Nur wenig später beginnt der Aufbau. Das Eisenwarengeschäft von Wiedemann öffnet wieder. Später wurde es HO-Industriewaren. Hier haben die Bürger später ihre Bestellungen für den Trabi abgegeben und dann zehn Jahre gewartet. Elektro Thiele war auch wieder am Platze. Die HO-Kaufhäuser wurden eröffnet, mit Haushaltwaren, einer Kinderabteilung und dem Exquisit in dem einen und mit Möbeln – das „Haus der Wohnraumkultur“ - in dem anderen.

Im Haus der Technik neben der Sparkasse konnte man nach einer Wartezeit einen Fernseher erwerben. Eine Kaufhalle und die Kinderkombination bestehend aus Kinderkrippe und Kindergarten wurden gebaut. Es zog wieder Leben in die einst so quirlige und prächtige Geschäftsstraße, die auch eine ganze Weile für den Autoverkehr geöffnet war.

Nach der Wende wurde die Alte Brücke mit einem Gesamtaufwand von 1,5 Millionen Euro in drei Bauabschnitten grundhaft saniert und umgebaut. Die Alte Brücke ist heute Fußgängerzone und für Radfahrer frei befahrbar. Geschäfte gibt es noch immer auf der Alten Brücke, allerdings nicht mehr so viele wie einst.

Teil 2 der Serie finden Sie hier...

Fortsetzung folgt...

Teil 2 der Straßen-Serie erscheint am 19. Mai und führt in die Breite Straße in Zerbst.

Der heutige Blick über die Nuthe zur Rats- und Stadtapotheke, dem Schmuckgeschäft und dem Laden für Bürobedarf.
Der heutige Blick über die Nuthe zur Rats- und Stadtapotheke, dem Schmuckgeschäft und dem Laden für Bürobedarf.
Foto: Thomas Kirchner
Das ehemalige HO-Kaufhaus mit den Abteilungen Haushaltwaren, Kinderkleidung, Sport und dem Exquisit.
Das ehemalige HO-Kaufhaus mit den Abteilungen Haushaltwaren, Kinderkleidung, Sport und dem Exquisit.
Archivfoto: Thomas Drechsel
Die ehemalige HO-Kaufhalle und die markante Trauerweide, wo sich heute der Parkplatz des Kaufland-Marktes befindet.
Die ehemalige HO-Kaufhalle und die markante Trauerweide, wo sich heute der Parkplatz des Kaufland-Marktes befindet.
Repro: Thomas Kirchner
Unzählige Geschäfte und Lokale waren vor der Zerstörung am 16. April 1945 auf der Alten Brücke angesiedelt.
Unzählige Geschäfte und Lokale waren vor der Zerstörung am 16. April 1945 auf der Alten Brücke angesiedelt.
Fotos: Sammlung Helmut Hehne
Am Dicken Turm (Glockenturm von St. Bartholomäi) befand sich eine Gleisausweiche, um der entgegenkommenden Pferdebahn auszuweichen.
Am Dicken Turm (Glockenturm von St. Bartholomäi) befand sich eine Gleisausweiche, um der entgegenkommenden Pferdebahn auszuweichen.
Foto: Sammlung Helmut Hehne
Ende der 1950er Jahre wurde der erste DDR-Wohnblock auf der Alten Brücke gebaut. Rechts daneben folgte später das Hochhaus.
Ende der 1950er Jahre wurde der erste DDR-Wohnblock auf der Alten Brücke gebaut. Rechts daneben folgte später das Hochhaus.
Foto: Sammlung Helmut Hehne