Heimatgeschichte

Serie: Zerbster Straßen im Wandel der Zeit - Der Fischmarkt vom Handelsplatz zur Plattenbausiedlung

Die Geschichte der Straßen sind auch die Geschichten ihrer Bewohner, der ansässigen Firmen und Geschäfte. Deswegen sprechen manche auch von ihrem „Kiez“. Einige dieser Geschichten von Zerbster Straßen wollen wir Ihnen in den kommenden Wochen erzählen.

Ein Blick aus Richtung der Kirche St. Trinitatis auf St. Nicolai und den Plattenbauten am Fischmarkt. Am rechten Bildrand noch zu erkennen, die Außenstelle der Landkreisverwaltung.
Ein Blick aus Richtung der Kirche St. Trinitatis auf St. Nicolai und den Plattenbauten am Fischmarkt. Am rechten Bildrand noch zu erkennen, die Außenstelle der Landkreisverwaltung. Foto: Thomas Kirchner

Zerbst - Von Helmut Hehne und Thomas Kirchner

Als ehemalige Marktstätte und Handelsplatz nahe der Kirche St. Nikolai wurde die Bezeichnung „Fischmarkt“ schon sehr früh in der Stadtgeschichte erwähnt. Mit dem Namen „forum piscium“ (Platz des Fischhandels) ist dieser kleine Marktflecken eines der ältesten Straßenbezeichnungen unserer Stadt und führt bis ins Jahr 1338 zurück.

Doch die Bewohner des Fischmarktes musste etliche Schicksalsschläge verkraften, so 1506 beim großen Stadtbrand, wo der Fischmarkt und die Schleibank dem flammenden Inferno zum Opfer fielen. 1945 sollte sich die Geschichte wiederholen. Der Bombenhagel und die Feuersbrunst machten den Fischmarkt und die umliegenden Gassen nahezu dem Erdboden gleich.

Sonnabend war Ferkelmarkt

Noch 1944/45 fand jeweils am Sonnabend hier der Zerbster Ferkelmarkt statt. Schon frühmorgens hallte das Quieken der Jungschweine, die verkauft werden sollten, über den Fischmarkt. Wie der kleine Markt nach dem Treiben ausgesehen hat, kann man sich vorstellen. Reste von Stroh und Unrat lagen verstreut auf dem Pflaster, das bis 1945 aus Feldsteinen bestand.  Einen Anschluss an das Abwassernetz der Stadt gab es noch nicht. Jedes Haus hatte im Hinterhof eine Auffanggrube.

Auf dem Fischmarkt war um 1890 die „Taubstummenanstalt“ der Stadt Zerbst untergebracht. Der kleine Fischmarkt hatte drei Wirtshäuser, das „Deutsches Haus“, allerdings zuerst unter dem Namen „Zum blauen Hecht“, das Restaurant „Zum grünen Rautenkranz“ und das „Braustüb‘l“, das als ehemalige Brauerei bekannt war.  Jeden Freitag fuhr der blaue Pferdewagen der Brauerei von Lorenz Pfannenberg zu den Leuten und brachte das beliebte Doppelmalzbier. Die leeren Kästen in den Hausfluren, wo auch das Geld drinsteckte, wurde durch den „Bierkutscher“ ausgetauscht.

Die grässliche Fratze des Krieges

Bäckermeister Knauf an der Ecke zur Schulstraße wartete einmal in der Woche mit herrlichen „Maulschellen“ auf – ein Freudentag für die Kinder vom Fischmarkt. Bis 1945 sorgten Sattlermeister Emil Würfel, Tischlermeister Schammer, der Drahtflechter Waldt oder Runkel mit seinem Kaufladen für Handwerk und Handel auf dem Fischmarkt.

Dann kam der 16. April 1945. In den Tonnengewölben des Deutschen Hauses kauerten 64 Menschen ohne irgendeine Lüftung. Nur ein Notausstieg führte an der hinteren Wand nach oben. Hätte der Keller keinen Brunnen, wären alle Schutzsuchenden wohl gestorben. Dann der grausame Anblick, als die Menschen aus den Kellerlöchern kletterten, eine Trümmerwüste, nichts stand mehr.

Drei Kinder haben das Inferno im Keller nicht überlebt. Zum 50. Jahrestag der Wiederkehr der Zerstörung von Zerbst hat der Stadtdirektor der Partnerstadt Jever ein Gedicht geschrieben (Infokasten).

Vom Betonwerk bis zur Plattenbausiedlung

Im Zuge des Wiederaufbaus wurde auf dem Fischmarkt ein Betonwerk errichtet. Zu DDR-Zeiten wurden infolge des Wohnungsbauprogrammes rings um die Nikolaikirche Plattenbauten errichtet und einer der ältesten Straßennamen der Stadt hörte auf, zu existieren. Der Fischmarkt wurde in Max-Sens-Platz umbenannt, obwohl es seit 1946 bereits einen Platz mit diesem Namen gab.

Nach der Wende musste der Familienblock der Roten Armee am Max-Sens-Platz Hausnummern erhalten. Also beschloss der Stadtrat am 1. September 1993, dass die Straße den Namen Fischmarkt zurückbekommt. Heute befinden sich in am Fischmarkt elf Hauseingänge, ein Supermarkt und eine Außenstelle der Landkreisverwaltung.

Gedicht: Als die Turmuhr zum letzten Mal schlug

Mein Freund zeigt mir die alte Stadt, die Schreckliches erlitten hat. Als Kind vernahm er Tag für Tag der Turmuhr hellen Glockenschlag.

Er sah dereinst des Schlosses Pracht, das Rathaus, wo der Roland wacht. Bürgerhäuser „seit an seit“, der Kirchenbauten Mächtigkeit.

Doch dann, genau vor fünfzig Jahren, da musste diese Stadt erfahren, wie grausam alle Kriege sind – und – plötzlich war er nicht mehr Kind!

Er sah die Toten in Ruinen! Das Gedenken gilt heut ihnen, den Kriegswahn mit dem Leben zollten und die doch auch nur leben wollten.

Mein Freund erzählt es heut den Kindern, Gewalt und Kriege zu verhindern, damit in einer besseren Welt kein Kind mehr weint, Soldat mehr fällt!

Ingo Hashagen, Jever

Der nördliche Teil vom Fischmarkt mit dem Gasthaus Zum Deutschen Haus und dem Wirtshaus mit Brauerei Braustübl.
Der nördliche Teil vom Fischmarkt mit dem Gasthaus Zum Deutschen Haus und dem Wirtshaus mit Brauerei Braustübl.
Foto: Sammlung Helmut Hehne
Nach 1945 entstand auf dem Fischmarkt das zum Wiederaufbau benötigte Betonwerk. Es wurde bis in die 1980er Jahre genutzt.
Nach 1945 entstand auf dem Fischmarkt das zum Wiederaufbau benötigte Betonwerk. Es wurde bis in die 1980er Jahre genutzt.
Foto: Sammlung Helmut Hehne
1946: Nach der Zerstörung ein Blick zum Fischmarkt von der Heide. Im Hintergrund rechts die ehemalige Mädchenmittelschule.
1946: Nach der Zerstörung ein Blick zum Fischmarkt von der Heide. Im Hintergrund rechts die ehemalige Mädchenmittelschule.
Foto: Sammlung Helmut Hehne
Die Zerbster Märktstätten um die Kirche St. Nikolai nach einem Plan von Schurz  aus dem Jahr 1787.
Die Zerbster Märktstätten um die Kirche St. Nikolai nach einem Plan von Schurz aus dem Jahr 1787.
Foto: Sammlung Helmut Hehne
Der Fischmarkt im Jahre 1930. An der rechten Ecke  befand sich die Mädchenmittelschule, die nur mit einer Hausecke zu sehen ist.
Der Fischmarkt im Jahre 1930. An der rechten Ecke befand sich die Mädchenmittelschule, die nur mit einer Hausecke zu sehen ist.
Foto: Sammlung Helmut Hehne
Ein Gemälde: Ferkelmarkt auf dem Zerbster Fischmarkt, der bis ins Jahr 1945 immer am Sonnabend stattgefunden hat.
Ein Gemälde: Ferkelmarkt auf dem Zerbster Fischmarkt, der bis ins Jahr 1945 immer am Sonnabend stattgefunden hat.
Foto: Sammlung Helmut Hehne
Eine Farbaufnahme vom Nicolaikirchturm aufgenommen. Im Vordergrund ein Teil des Fischmarkts im Jahre 1942, der 1945 zerstört wurde.
Eine Farbaufnahme vom Nicolaikirchturm aufgenommen. Im Vordergrund ein Teil des Fischmarkts im Jahre 1942, der 1945 zerstört wurde.
Foto: Sammlung Helmut Hehne