Am 28. Juli 1990 besiegelten die Stadtdirektoren Rudolf Schrickel (Zerbst) und Ingo Hashagen (Jever) sowie die Bürgermeister Siegfried Harms (Jever) und Helmut Behrendt (Zerbst) die Städtepartnerschaft zwischen Jever in Friesland und dem Anhaltischen Zerbst. Was sagen die heutigen Bürgermeister zu der nun mittlerweile 30 Jahre währenden Partnerschaft? Volksstimme-Redakteur Thomas Kirchner hat mit beiden gesprochen. Heute nun das Interview mit Jevers Bürgermeister Jan Edo Albers (parteilos).

Volksstimme: Viele Städtepartnerschaften bestehen nur auf dem Papier. Das ist zwischen Zerbst und Jever von Anfang an nicht so gewesen. Was machen beide Städte anders als andere?
Jan Edo Albers: Ich glaube, dass Zeitpunkt und Umstände der Gründung der Städtepartnerschaft entscheidend für den dauerhaften Erfolg unserer Städtepartnerschaft waren. Die Begründung und die Anfangsphase wurden durch die Euphorie und den Geist der Wiedervereinigung begünstigt und getragen. Dadurch ist es gelungen von Anfang an viele Bürgerinnen und Bürger sowie Vereine und Institutionen für die Partnerschaft zu begeistern und diese somit auf ein breites Fundament zu stellen.

Eine Verbindung beider Städte liegt auch in der Geschichte.
Jever stand in der Zeit von 1667 bis 1793 unter der Herrschaft des Hauses Anhalt-Zerbst. Noch heute finden sich prägende Gebäude in der Jeverschen Innenstadt aus der Zerbster Zeit. Vor allem aber ist die Turmbekrönung des Schlosses, des Wahrzeichens der friesischen Kreisstadt, aus dem Jahre 1736, ein Beleg für das segensreiche Wirken der Zerbster Fürsten. Vor diesem Hintergrund wurde und wird die Städtepartnerschaft von vielen Menschen in beiden Städten als etwas historisch Gewachsenes quasi als natürliche Fortsetzung der historischen Verbindung angesehen. Dies führt meiner Ansicht nach zu der außergewöhnlichen Akzeptanz in der Bevölkerung.

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Zurück zum Hier und Jetzt. Wer meint, die Partnerschaft bestehe nur aus Kontakten zwischen den Rathäusern, der irrt gewaltig.
Auch nach 30 Jahren verfügt die Städtepartnerschaft über eine breite Basis, was keine Selbstverständlichkeit ist. Neben den engen, freundschaftlichen Verbindungen zwischen den Verwaltungen angefangen bei den jeweils verantwortlichen Bürgermeister/innen und Stadtdirektoren gibt es viele nachhaltige persönliche Kontakte und Beziehungen zwischen Vereinen und Organisationen und Privatpersonen. Darunter sind einige, die von Beginn an bestehen und erfreulicherweise auch immer wieder neue Verbindungen, die zum Beispiel anlässlich des 25-jährigen Jubiläums neu entstanden sind. Tragende Säulen der Städtepartnerschaft sind insbesondere die Skatclubs, die Feuerwehren, die Angelvereine und das Künstlerforum Jever.

Als 2013 die Flut über die Elbdörfer der Einheitsgemeinde hereingebrochen ist, riefen zehn ostfriesische Tageszeitungen ihre Leser auf, Geld zu spenden. Allein das Umweltzentrum Ronney erhielt damals 60.000 Euro, um die immensen Schäden zu beseitigen. Ein Beweis dafür, wie breit das Spektrum ist, dass diese Verbindung – Partnerschaft ausmacht?
Das Elbehochwasser 2013 hat einmal mehr gezeigt, wie groß die Solidarität zwischen den verschiedenen Teilen der Bundesrepublik im Allgemeinen und zwischen den Menschen in unseren Partnerstädten ist. In der Not ist praktische und finanzielle Hilfe sofort zur Stelle. Dabei bin ich mir sicher, dass dies keine Einbahnstraße ist. Vielmehr dürften auch die Menschen in unserer Region bei einer Überflutung an der Nordseeküste auf breite Unterstützung gerade aus Sachsen-Anhalt rechnen.

Aus Partnern wurde Freunde?
Auf vielen Ebenen sind über die Jahrzehnte nicht nur zwischen den Stadtverantwortlichen enge und bleibende Freundschaften gewachsen, sodass man in unserem Fall ohne Übertreibung von einer Städtefreundschaft sprechen darf.

Was ist das Besondere an dieser Freundschaft?
Die Partnerschaft zwischen Zerbst und Jever war von Beginn an eine Partnerschaft auf Augenhöhe trotz der scheinbar völlig unterschiedlichen Ausgangspositionen. Die Chemie zwischen den Beteiligten hat gleich gestimmt und stimmt noch heute. Auf der Grundlage der historischen Verbindung können wir nach 30 Jahren auf eine gewachsene, stabile und sehr lebendige Städtefreundschaft blicken.

Der 30. Geburtstag sollte in diesen Tagen während des Heimatfestes gebührend, wo auch die Urkunde vor 30 Jahren unterzeichnet wurde, gefeiert werden. Dann kam das Virus. Und jetzt?
Bürgermeister Andreas Dittmann und ich haben uns darauf verständigt, dass wir die Jubliäumsfeierlichkeiten im nächsten Jahr in dem ursprünglich vorgesehenen Umfang nachholen werden, wenn dies möglich ist.

Wird es dann auch so etwas wie ein Bürgerfest geben?
Wichtig ist uns, dass die Feierlichkeiten mit den Menschen gemeinsam durchgeführt werden, die diese Partnerschaft mit Leben füllen. Eine Feier im kleinen Rahmen mit einer Hand voll Honoratioren am Jubiläumstag wäre der Städtefreundschaft nicht gerecht geworden.