Zerbst l „Wir wollen deutlich machen, dass es überall in unserer Stadt jüdisches Leben gab. Dieses Erinnern geht jedoch einher mit dem Eingeständnis, dass auch in unserer doch so beschaulichen Stadt die jüdischen Einwohner Angriffen ausgesetzt waren. Nur wenige Jahre zuvor waren sie noch geachtete und ehrbare Bürgerinnen und Bürger. Nachbarn, die man schätzte“, erklärte Bürgermeister Andreas Dittmann (SPD) bei der Gedenkveranstaltung zur Erinnerung an die November-Pogrome während des Hitler-Regimes.

Und doch gebe es heute keine dieser Familien mehr in Zerbst. Wenige seien nach Amerika oder Palästina entkommen. Viele seien in den Vernichtungslagern der Nationalsozialisten (NS) ermordet worden, blickte er am Dienstagnachmittag nur wenige Schritte von der einstigen Synagoge entfernt zurück. Hier in der Brüderstraße 26 erhielten nach der Sanierung der Gehwege nun zwei Stolpersteine ihren angestammten Platz zurück. Ein weiterer kam dazu.

Ein Stein, ein Name, ein Mensch

Die Spuren jüdischen Lebens „wollen wir in unserer Stadt erhalten. Wir sind darum Teil des Kunstprojektes von Gunter Demnig. Er erinnert an die Opfer der NS-Zeit, indem er vor ihrem letzten selbst gewählten Wohnort Gedenktafeln aus Messing in den Gehweg einlässt. ‚Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist‘, zitiert Gunter Demnig den Talmud. Mit den Steinen vor den Häusern wird die Erinnerung an die Menschen lebendig, die einst hier wohnten. Auf den Steinen steht geschrieben: Hier wohnte… Ein Stein. Ein Name. Ein Mensch“, so Dittmann.

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Der 7. November 1938 stehe im damaligen Deutschen Reich – und ab dem 10. November leider auch in Zerbst – für den Verlust des Menschseins der jüdischen Bevölkerung. „Eine Entmenschlichung in einem Land, das sie in vielerlei Hinsicht über Jahrhunderte mitgeprägt und bereichert haben. Keine Rede war mehr davon, ganz im Gegenteil, Millionen von Menschen wurden von einem entmenschlichten System ausgestoßen“, so Dittmann.

Erinnerung an Pogrome

Vom 7. bis 13. November 1938 seien Hunderte Menschen ermordet oder in den Selbstmord getrieben, über 1400 Synagogen, Betstuben und sonstige Versammlungsräume sowie Tausende Geschäfte, Wohnungen und jüdische Friedhöfe zerstört worden. „Diese Pogrome mündeten knapp drei Jahre später in den Holocaust. Sechs Millionen Menschen jüdischen Glaubens wurden mit industriellen Methoden grausam ermordet“, mahnte der Rathauschef.

Dittmann: „Demnigs Intention ist unter anderem, den NS-Opfern, die in den Konzentrationslagern zu Nummern degradiert wurden, ihre Namen zurückzugeben.“ Das Bücken, um die Texte auf den Stolpersteinen zu lesen, solle eine symbolische Verbeugung vor den Opfern sein. „Mit der Markierung der ‚Tatorte von Deportationen‘, die häufig mitten in dicht besiedelten Bereichen liegen, wird gleichzeitig die von einigen Zeitzeugen vorgebrachte Schutzbehauptung, nichts von den Deportationen bemerkt zu haben, in Frage gestellt“, sagte Dittmann.

Man stolpert mit dem Kopf und dem Herzen

Mit den Stolpersteinen sollen die Namen der Opfer zurück an die Orte ihres Lebens gebracht werden. Auf die Frage, ob es Demnig tatsächlich um ein „Stolpern“ ginge, habe er einen Schüler zitiert, der nach der Stolpergefahr gefragt antwortete: „Nein, nein, man stolpert nicht und fällt hin, man stolpert mit dem Kopf und mit dem Herzen.“

Zurück an den Ort ihres Lebens kehrten nun Ida, Adolph und Kurt Freudenberg. Kurt Freudenberg war ein Neffe von Ida und Adolph Freudenberg. Während seiner Schulzeit am Francisceum von 1908 bis zum Abitur 1918 lebte er in Zerbst und das meist bei Onkel und Tante hier in der Brüderstraße 26. Als Bankbeamter arbeitete er später in der Barbyer Stadtkasse, bevor ihm 1933 als Juden fristlos gekündigt wurde. Ein Kollege in SA-Uniform warf ihn die Rathaustreppe hinunter.

Für Klugheit und Lebensweisheit geschätzt

Schwer verletzt verschleppte man ihn nach Buchenwald. Nach seiner Rückkehr verrichtete er Hilfsarbeiten in der Drogerie seines nichtjüdischen Schwagers. 1941 wurde Kurt Freudenberg nach Riga deportiert, was er nicht überlebte, schreibt Marianne Büning in ihrem Buch „... nur wie Fremdlinge in unserem eignen Wohnorte betrachtet“.

Ida Freudenbergs Mann, der Bankier Adolph Freudenberg, war Inhaber des Zerbster Bankhauses J. Rothenstein. Über die Finanzgeschäfte hinaus wurde er wegen seiner Klugheit und Lebensweisheit geschätzt. Man nannte ihn auch „Nathan den Weisen“. Die zunehmende Ausgrenzung, Demütigung und Ächtung, die er in seinen letzten Lebensjahren erfahren musste, trafen ihn schwer. Adolph starb 1937, ein Jahr vor den Pogromen.

Bleibt gesund und vergesst mich nicht

Ida Freudenberg wurde nach einem gescheiterten Selbstmordversuch 1942 deportiert und vermutlich noch im gleichen Jahr in Treblinka ermordet. „Bleibt gesund und vergesst mich nicht“, schrieb sie am 10. Juli 1942 aus dem Magdeburger Gestapo-Gefängnis an ihre Kinder. „Die Postkarte ist ein Heiligtum in unserer Familie. Jedes Familienmitglied besitzt zumindest eine Kopie“, erzählte Helga Briedigkeit 2017 im Zuge einer Volksstimme-Recherche.

Ihr Mann Walter, der 2014 starb, war der Enkel von Ida und Adolph Freudenberg. Seine Großmutter sei gütig gewesen, voller Liebe. Abends habe sie ihm Geschichten vorgelesen, habe er oft erzählt. Walter war zum Zeitpunkt der Deportation seiner Großmutter gerade zehn Jahre alt.

Traurgies Schicksal einer Jüdin

Zerbst – Magdeburg – Warschauer Ghetto – Treblinka – der Leidensweg einer im Jahr 1942 64-jährigen Frau, die nichts verbrochen hatte, außer dass sie Jüdin war.