Zerbst l Die Meinungen über eine Fortsetzung des Zerbster Prozessionsspiels gehen innerhalb der Einheitsgemeinde auseinander. Das zeigt die Anhörung der einzelnen Ortschaftsräte. Während die einen dafür sind, erneut ausgewählte Bibelszenen als multimediales Theaterstück unter freiem Himmel aufzuführen, sind andere dagegen.

Für Diskussionen sorgten zum einen die Kosten für die Bühnentechnik, die unter anderem den Ortschaftsräten von Bornum und Leps als zu hoch erschienen. Rund 22.000 Euro sind allein für die beiden Videoleinwände kalkuliert. Ihre Einbindung in die moderne Aufführung 2017 habe eine wesentliche Rolle gespielt, erinnerte Bürgermeister Andreas Dittmann (SPD) im Sozial-, Schul-, Kultur- und Sportausschuss. Auf der letzten Sitzung des Gremiums empfahl er, in dem Fall den Intentionen des möglichen Intendanten zu folgen.

Professor Dr. Hans-Rüdiger Schwab hat sich bereiterklärt, ein weiteres Mal die künstlerische Leitung zu übernehmen. Ehrenamtlich tat er dies bei der erstmaligen Neuinszenierung des spätmittelalterlichen Großereignisses, das einst tausende Schaulustige in die anhaltische Residenzstadt lockte. In einem kostümierten Umzug ließen die Zerbster zwischen 1507 und 1522 die wichtigsten Passagen der Heiligen Schrift lebendig werden.

Keine zusätzlichen Baustellen aufmachen

An der modernen Auflage vor drei Jahren beteiligten sich 436 Bürger aus 54 Orten der Einheitsgemeinde zwischen acht und 80 Jahren, wobei es sich durchweg um Laiendarsteller aus Schulen, Vereinen, Freundeskreisen und Dorfgemeinschaften handelte. 23 Szenen präsentierten sie vor der Nicolairuine auf dem Markplatz. Drei Aufführungen gab es, die fast 3000 Besucher verfolgten. Als Kulisse für die Fortsetzung des Prozessionsspiels 2022 indes schlägt Professor Schwab den erhaltenen Schlossflügel vor, der gleichsam in die Ins-zenierung einbezogen werden könnte.

Im geplanten Aufführungsort sieht der Lindauer Ortsbürgermeister Helmut Seidler, zugleich Stadtratsmitglied der FFZ, die Chance, ebenfalls in die Aufwertung der übrigen, teils immer mehr verfallenden Gebäude im Schlossgarten zu investieren – in den Marstall, wo Requisiten und andere Utensilien gelagert und zugleich eine öffentliche Toilette eingerichtet werden könnte, oder auch in die Orangerie, die nach einer Wiederherrichtung für die Proben zum Prozessionsspiel genutzt werden könnte. Es sei schön, immer wieder an noch offene Baustellen erinnert zu werden, kommentierte Dittmann im Kulturausschuss die Vorschläge aus Lindau. Zugleich gab er zu bedenken, dass der Stadtrat entschieden habe, dass zunächst der erhaltene Schlossflügel hinsichtlich seiner Sanierung und Nutzung Priorität habe. „Noch Nebenschauplätze aufzurufen wird nicht helfen“, meinte der Bürgermeister.

Mittelaltermarkt lohnt sich nicht

Nicht nachvollziehen konnte Dittmann die im Ortschaftsrat Zernitz vorgebrachten Zweifel an der Abrechnung der zeitgenössischen Uraufführung des Prozessionsspiel. „Wir haben keine Nebenrechnung geführt“, erläuterte er, dass die angegebene Anzahl an Eintrittskarten auch verkauft wurde. Einzig der Mittelaltermarkt, der parallel stattfand, sei unrentabel gewesen, was jedoch über Sponsoringmittel ausgeglichen wurde, so der Bürgermeister.

Auf Sponsoren hofft die Stadt wieder, wenn das Prozessionsspiel fortgesetzt werden sollte. Diese Unterstützung Dritter bildet neben den Einnahmen aus dem Kartenverkauf eine der Finanzierungsgrundlagen für die Veranstaltung, deren Ausgaben zudem über Fördermittel gedeckt werden sollen. Im besten Fall ist dies ein Nullsummenspiel. „Die Fördermittel, mit denen wir hier spekulieren, sind zweckgebunden“, bemerkte Dittmann. Diese Gelder könnten nicht für Spielplätze, Feuerwehren oder den Straßenbau verwendet werden, betonte er.

25.000 Euro für 2022

Einzig die Kosten für die Leistungen des Bau- und Wirtschaftshofes trägt die Stadt selbst. 25.000 Euro sind da momentan für 2022 veranschlagt. Die in Ortschaftsräten vorgebrachte Kritik zielte allerdings weniger auf die Summe ab, sondern vielmehr darauf, dass die Mitarbeiter der kommunalen Einrichtung hier für einen gewissen Zeitraum sehr stark nur für eine Veranstaltung eingebunden wären und anderes dadurch liegen bleiben würde. „Das kann ich nicht wegreden“, gestand der Bürgermeister. In dem Fall würde sich die Verlegung des Schauplatzes vom Markt vors Schloss als günstiger erweisen, da beispielsweise weniger Absperrungen notwendig seien, führte er aus.

„Ich kann die Zerreißdiskussion nicht nachvollziehen“, erklärte Silke Hövelmann (SPD). Gerade jetzt, wo sie im Gegensatz zur Premiere, auf etwas zurückschauen könnten. „Als Organisatoren sind wir nun mehr auf der sicheren Seite als damals“, meinte sie.

Natürlich gebe es Risiken, gestand Dittmann. Das sei zum einen das Wetter, das allerdings auch 2017 nicht wirklich gepasst habe, zum anderen ein möglicher Virusinfekt, wie der Bürgermeister in Anbetracht der aktuellen Corona-Pandemie anmerkte. Beides könnte für fehlende Eintrittsgelder sorgen.

Stadtrat entscheidet entgültig

Letztlich sprach sich der Kuturausschuss bei vier Enthaltungen und sechs Ja-Stimmen für die Fortführung des Prozessionsspiels aus. Die endgültige Entscheidung darüber wird der Stadtrat von Zerbst treffen, sobald er wieder öffentlich tagen kann.