Grimme l In der Nacht vom Sonntag zum Montag ist es passiert. Wahrscheinlich schon gegen Morgen. Irgendetwas war nicht wie sonst. Nur zwei Schafe kamen zum Futter, zwei andere bewegten sich nicht mehr, eines war zunächst nicht zu sehen.

Drei tote Tiere hat Familie Beiche in Grimme zu beklagen. Nun sind nur noch die zwei jüngeren Tiere aus dem vergangenen Jahr übrig, die alten Schafe fielen dem Räuber zum Opfer. War es der Wolf?

Es weist alles darauf hin. Man kann es nicht ausschließen. „Wir gehen davon aus“, sagte der Leiter vom Wolfskompetenzzentrum Iden, Andreas Berbig, gestern noch einmal gegenüber der Volksstimme. Der Wolfsexperte war am Montag vor Ort, um eine Probe zu nehmen. In zwei Wochen liegt das Ergebnis der genetischen Untersuchungen vor.

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Die toten Schafe weisen den typischen Kehlbiss auf. Aber nur bei einem Schaf ist er dann in die Rippen rein, um an die Eingeweide zu kommen, kam aber nicht mehr zum Fressen. Die Beiches vermuten, dass er gestört wurde. Vielleicht durch die Anwohner, die ihren Tag begannen.

War es einer oder mehrere?

Spekulation bleibt auch, ob es ein Tier war oder mehrere. Spuren waren nicht auszumachen. Auch unterm Zaun findet sich kein Loch. Die Beiches ließen ihre Schafe in ehemaligen Gärten, die nicht mehr bewirtschaftet werden, weiden. Gleich hinter der Wohnbebauung an der Dorfstraße. Nur an einer Stelle ist der Zaun oben leicht abgeknickt. Es könnte ein Kletterer gewesen sein.

Was soll ich machen?, stellte sich für Silvia Beiche an dem Montagmorgen die Frage, als sie die Tiere sah. Der Wolfsbeauftragte der Kreisjägerschaft Zerbst, Jonas Döhring, wurde angerufen. Da es sich jedoch um Nutztiere handelt, war das Wolfskompetenzzentrum Iden zuständig.

Derweil mussten die Kadaver so liegen bleiben, nach Möglichkeit abgedeckt, und ringsum durften mögliche Trittsiegel nicht zerstört werden, bis zum Eintreffen des Experten.

Das ganze Prozedere ist eine Erfahrung für die Beiches bis hin zur Tierkörperbeseitigung. Das Notfallzaunset, das der Wolfsexperte dabei hatte, und das in solchen Fällen vom Land für acht Wochen zur Verfügung gestellt wird, war nicht notwendig. Eine Entschädigung für den Verlust kann beim Amt für Landwirtschaft, Flurneuordnung und Forsten Anhalt (ALFF) beantragt werden.

Ohne Angst zu verbreiten, wollen die Beiches aufmerksam machen. In Grimme gibt es einige Tierhalter. Abgesehen von reichlich Federvieh stehen in den Gärten und auf den Wiesen rings um das idyllisch gelegene Dorf weitere Schafe und eine ganze Anzahl Pferde.

In dem Maße, wie die Beute im Wald für den Wolf abnimmt, greift er auf andere Nahrungsangebote zurück, weiß Holger Beiche, der selbst Jäger ist. Da der Wolf ein intelligentes Tier ist, wägt er Risiken ab. Da sind Schafe eine einfache Beute und Zäune kein Hindernis. Angst vor dem Menschen muss er nicht haben.

Die zunehmende Wolfsdichte sei ein generelles Problem findet Holger Beiche. Er geht davon aus, dass die Dunkelziffer noch viel höher ist. In anderen Ländern gibt es Abschussquoten.

Gefährlich sei, dass der Wolf keine Scheu vor dem Menschen hat, meint Holger Beiche. Die würde er schnell wieder entwickeln, wenn er bejagt wird, ist Beiche überzeugt.

Mal sehen, wann der erste Wolf durchs Dorf spaziert. Auch Ortsbürgermeisterin Annemarie Reimann hat am Kuhstall, 100 Meter von ihrem Haus entfernt, schon einen gesehen.

Nicht wegrennen

„Dass Wölfe im Gebiet sind, wissen wir seit Jahren“, sagt sie. Das Risiko besteht also, dass sie Beute machen. Verhindern könne man das kaum.

Sie hat ihre Pferde vor die Schafe gestellt. Sie denkt, dass die Pferde den Wölfen zu groß sind und zu beweglich. Nachts werden ihre Tiere reingeholt. Ansonsten findet sie, dass hier die Politik gefragt ist. Geregelt werden müsse auch, dass den Privatleuten ein ordentlicher Ausgleich gezahlt wird. Bedenken in den Wald zu gehen, hat die Ortsbürgermeisterin bis jetzt noch nicht.

Doch was tun, wenn einem wirklich mal der Wolf begegnet? Auf jeden Fall nicht wegrennen, sonst wird der Beutetrieb beim Wolf ausgelöst, erklärt der Wolfsbeauftragte Jonas Döhring. Aufrichten und großmachen, die Jacke über den Kopf halten und mit tiefer Stimme laut rufen – der Wolf muss den Eindruck bekommen, dass es gefährlich wird, wenn er angreift, er muss Angst entwickeln.

Der Beutezug in Grimme ist nichts außergewöhnliches mehr. „Aber bedenklich, in jedem Fall“, so Jonas Döhring. Es häuft sich, dass sich die Tiere so dicht an oder gar in die bewohnten Gebiete wagen. Auch dass ein Wolf sich tagsüber zeigt, sei nicht untypisch.

Silvia Beiche kann erzählen, dass ihre Tochter schon einem Wolf begegnet ist, als sie mit dem Rad von Grimme nach Golmenglin fahren wollte. Sie kehrte lieber um. Und auch ihr elfjähriger Sohn mache sich jetzt Gedanken, wenn er im Dunkeln zur Bushaltestelle durchs Dorf geht.