Hagendorf l Eine tote Ziege, eine schwerverletzte Ziege, die eingeschläfert werden musste, und zwei weitere Tiere, die sich in der Panik des Überfalls verletzten und notgeschlachtet werden mussten. Die Bilanz der Nacht zum Donnerstag bei Jan De Vries in Hagendorf bei Nedlitz. Der Wolf hat wieder zugeschlagen. Alles deutet darauf hin.

Diesmal hat er sich bis in den Offenstall gewagt, in dem 250 Tiere zusammenstehen. Sein eines Opfer hat er unter dem Zaun hindurch gezerrt und mitgeschleift. Ein paar Meter lang ist die Schleifspur. An der Stelle fand ein Mitarbeiter, der die Ziegen am frühen Morgen zum Melken abholen wollte, das tote Tier. Mit Kehlbiss, ein stückweit angefressen und abgerissen, dann muss der Wolf gestört worden sein. Eine zweite Ziege hatte den typischen Biss am Hals, am Hinterteil klaffte alles offen.

Sieben Mal in vier Jahren

Es ist das siebte Mal seit zirka vier Jahren, dass es bei Jan De Vries einen Übergriff gegeben hat. Sechs Ziegen, sechs Schafe und zwei Lämmer hat er schon verloren. Seit dem Verlust der Schafe werden diese jede Nacht eingesperrt. Aber der Wolf wird immer dreister. Die Ziegen stehen nicht auf der Weide, sondern unterm Dach, quasi mitten auf dem Betriebsgelände der Caprini Agrar GbR. Die Beleuchtung bleibt auch über Nacht an. 94 Zentimeter hoch ist die Umzäunung, die oberen beiden Litzen sind stromführend. Der Zaun soll die Ziegen im Stall halten, nicht den Wolf abhalten.

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Einen Wolfsschutzzaun hat Jan De Vries um das Gelände, an das sich Wiesen und Äcker anschließen. Den hat er vor etwa drei Jahren fest installiert. 4o Zentimeter in der Erde bieten Untergrabungsschutz, nach oben sind es noch 1,60 Meter Höhe. Zwischen Wolfsschutzzaun und Offenstall gibt es einen weiteren Zaun, für die Schafe. Gleich drei Zäune hatten der oder die Wilderer also zu überwinden, um an die Ziegen zu gelangen.

Der Wolfsbeauftragte der Zerbster Jägerschaft Jonas Döhring ist zur Stelle, um sich alles anzuschauen. Keine Frage für ihn, dass der Wolf da gewesen ist. Er kann Spuren ausmachen, in welche Richtung der Wolf verschwunden ist. Ein Einzeltier vermutet er zunächst. Doch wie ist es auf das Gelände gekommen? Am Wolfsschutzzaun findet er eine Stelle, wo von außen gebuddelt wurde – offensichtlich erfolglos. Der Untergrabungsschutz hat funktioniert.

Keine Angst vor dem Menschen

Da es sich um Nutztiere handelt, hat Jan de Vries das Wolfskompetenzzentrum Iden informiert. Da hat er in der Vergangenheit nicht immer die besten Erfahrungen gemacht, aber er hält es für wichtig, dass Wolfsrisse gemeldet werden. Damit die Statistik stimmt, damit die wahren Zahlen sprechen, damit die Politiker aufwachen. Seit Jahren wird nur geredet, sind sich Tierhalter und Jäger einig. „Sachsen-Anhalt macht es als einziges Land fast unmöglich, Problemwölfe zu entnehmen“, bringen es De Vries und Döhring auf den Punkt.

Dem Landwirt geht es dabei nicht um eine Entschädigung. Meistens finden die Behörden sowieso einen Grund, nicht zu zahlen, hat er die Erfahrung gemacht. Außerdem falle diese so gering aus, dass der Aufwand in keinem Verhältnis steht. Dem Tierhalter geht es um die Tiere, um die Gesundheit und das Wohl der Tiere. Davon lebt der Betrieb.

„Wir können mit dem Wolf zusammen leben“, macht er deutlich, „aber nicht auf dem Hof oder im Ort“. „Der Wolf geht den Weg des geringsten Widerstandes“, erklärt es Jonas Döhring. Da sind die Nutztiere auf der Weide leichte Beute für ihn. Der Wolf weiß auch, dass ihm selbst auf dem Betriebsgelände nichts passiert. Da ist Jan De Vries vor Jahren schon einmal ein Wolf begegnet, der seelenruhig spazieren ging. Der Wolf hat keine Angst vor dem Menschen. Die muss ihm wieder gelehrt werden. Abschussquoten könnten den Bestand regeln, wie es in anderen Ländern gehandhabt wird. Isegrimm würde im Wald bleiben, wo er in unseren Breiten und in ganz Deutschland genug Nahrung findet, wie Jonas Döhring versichert.

Wolf verliert Akzeptanz

Übergriffe, wie zuletzt auf die Pferde bei Möckern, sorgen für Schlagzeilen in den Medien. Der Wolf verliert zunehmend an Akzeptanz in der Öffentlichkeit. Er wird als Bösewicht abgestempelt. „Das eigentliche Problem ist die Politik um den Wolf und nicht der Wolf selbst“, so Jonas Döhring. Man könne hier nichts mehr schön reden, Handeln ist nötig, die Landesregierung ist am Zug. „Wir sind absolute Wolfsregion“, so Döhring, der durchaus auch das Gefährdungspotential für Pilzsammler und spielende Kinder im Wald sieht.

Auch für den Rissgutachter vom Wolfskompetenzzentrum Iden sieht in Hagendorf alles nach Wolf aus. Michael Unger dokumentiert gewissenhaft jedes Detail, sucht nach wolfstypischen Hinweisen. Er macht wie Döhring die Spuren aus. Zwei Proben entnimmt er für die Genetik. Ob es der Wolf war oder nicht, ist in relativ kurzer Zeit festzustellen. Die Proben werden eingeschickt. Innerhalb von zirka zehn Tagen ist mit dem Ergebnis zu rechnen. Jan de Vries dringt auf einen Einzeltiernachweis, um endlich den Problemwolf überführen zu können. Die Vermutung liegt nahe, dass es sich immer um das selbe Tier handelt oder zumindest das gleiche Rudel.

Spuren dreier Tiere auf dem Acker

Unger nimmt sich die Zeit, den gesamten Zaun abzugehen. Unter Umständen klettert der Wolf auch an den Drähten empor, wie an einer Leiter, weiß der erfahrene Rissgutachter, der Forstwirt und Jäger ist, und schon ehrenamtlich als Rissgutachter im Einsatz war. In Hagendorf lässt sich kaum mehr machen, um das Gelände zu sichern. „Strom ist noch das wirksamste Mittel“, rät Unger dem Landwirt.

Liegen gelassen hat der Wolf nichts entlang des Zaunes. Es ist die Zeit, dass die Jungtiere vier, fünf Monate alt sind. Der Nachwuchs muss versorgt werden. Die Alttiere fressen sich voll und würgen wieder aus, was sie aufgenommen haben oder schneiden was raus aus den gerissenen Tieren und schleppen es mit sich. Ältere Jungtiere werden in die Jagd eingeführt. Bei den Hagendorfer Ziegen müssen der oder die Eindringlinge gestört worden sein, sonst wäre von den Ziegen kaum etwas übrig geblieben.

Nachdem sich Jonas Döhring verabschiedet hat, sucht sein geschultes Auge auf dem nahegelegenen Acker weiter. Er war von Anfang an überzeugt, Spuren vom geschnürten Trab auf der frisch gepflügten Fläche zu finden. Er sollte Recht behalten. Drei Spuren passen zusammen, frisch aus Richtung Ziegenranch. Ein Alpha-Männchen, ein Alpha-Weibchen und ein Jährling im Schlepptau vermutet der Wolfsbeauftragte.

De Vries bekommt das Protokoll von der Rissbegutachtung. Der Einzeltiernachweis wird noch länger dauern, als die alleinige Feststellung, ob es der Wolf war oder nicht. „Es ist ungerecht, dass ein Problemwolf das Recht hat zu leben und die Tiere im Stall nicht“, findet Jan De Vries. Die nächste Zeit wird er wieder jeden Morgen aufwachen mit dem ersten Gedanken, ob der Wolf da war oder nicht.