Bildungsminister folgt Hilferuf

Zerbster Sekundarschule „Ciervisti“ kämpft mit drastischem Lehrermangel und Platzproblemen

An der Zerbster Sekundarschule „Ciervisti“ fehlt es an ausreichend Lehrern und Räumen. Die Computertechnik ist veraltet, der Internetanschluss viel zu langsam. Über die prekäre Situation sprachen Lehrer und Eltern jetzt offen mit Bildungsminister Marco Tullner.

Von Daniela Apel
Die engen, nicht schalldichten Container sind keine Dauerlösung für den Schulunterricht.
Die engen, nicht schalldichten Container sind keine Dauerlösung für den Schulunterricht. Foto: Daniela Apel

Zerbst - „Wir müssen jetzt was reißen“, sagt Sven Kirchner. Um etwas zu bewegen, engagiert er sich im Gemeindeelternrat der Stadt Zerbst. Leidenschaftlich argumentiert er, um „schnelle Verbesserungen für die Kinder zu erreichen“. Durchaus emotional, aber überwiegend sachlich verläuft das Arbeitsgespräch im Innenhof des Zerbster Rathauses. Hier unter freiem Himmel findet der Termin mit Bildungsminister Marco Tullner (CDU) statt, den sein Parteifreund Andy Grabner organisiert hat. Da jener am Sonntag bei der Wahl des neuen Landrates von Anhalt-Bitterfeld als Bewerber antritt, darf das Treffen nicht an dem Ort sein, um den es sich dreht - die Ganztagsschule „Ciervisti“.

Ein Umstand, den Schulleiterin Kirsten von Mandel bedauert. Gern wäre sie „authentisch unterwegs gewesen“, spielt sie auf die Containeranlage mit den vier provisorischen Unterrichtsräumen an. Seit Herbst 2019 dienen sie als Ersatz für den Außenstandort an der Breite. Ideal ist der hellhörige Container nicht, wie von Mandel schildert. Die Geräuschkulisse der B 184 beeinträchtigt das Lüften, das bei den steigenden Temperaturen längst nicht nur coronabedingt notwendig ist. Dicht an dicht sitzen dort die Schüler. Anschaulich spiegelt die Enge das generelle Platzproblem im Gebäude in der Fuhrstraße wider. „Maximal 26 Schüler passen in die Fachräume, wir haben aber Klassen mit 27 und sogar 30 Schülern“, sagt von Mandel.

Keine Stellenbewerber trotz Gehaltszulage

Theoretisch könnte man die derzeit 21 Klassen auch teilen, praktisch lässt sich das aufgrund der Personalsituation nicht umsetzen. Insofern sich die Stellenbesetzung nicht drastisch verbessert, liegt die Unterrichtsversorgung ab dem neuen Schuljahr nur bei knapp 70 Prozent. Die drei Stunden Französisch können nach jetzigem Stand in Klasse 10 dann nicht angeboten werden. Von den 29 Pflichtstunden in Klasse 5 werden nur 25 zu gewährleisten sein, schildert die Schulleiterin die prekäre Situation.

Grund ist der Mangel an Lehrern. Die bisherigen Ausschreibungen waren kaum von Erfolg gekrönt - trotz der Lockung mit Zulagen. Wenig hilfreich sei zudem, wenn Lehrer für Fächer angestellt werden, die gar nicht benötigt werden, gibt die stellvertretende Schulleiterin Heike Spieß zu bedenken. Die Stellenbesetzung sei schwierig, räumt Marco Tullner ein. Elternvertreterin Beate Heuseler sieht eine Ursache im komplizierten, unflexiblen Bewerbungsverfahren. „Wir müssen jeden einzeln abholen“, findet sie. „Und die Schulen mit ins Boot holen“, ergänzt von Mandel. Die Schulen müssten problemlos - zumindest erstmal für ein Jahr befristet - selbst Lehrer einstellen können, findet Silke Lange. Sie gehört ebenfalls dem Gemeindeelternrat an und trifft mit ihrer Anregung auf offene Ohren. „Das nehme ich mit“, verspricht Tullner. Zugleich will er prüfen lassen, ob die Französischstunden durch Kollegen des Zerbster Gymnasiums abgedeckt werden könnten.

Schülerzahl nimmt weiter zu

Was mit Lehrern sei, die in Rente gehen, erkundigt sich der Minister. Die letzte Kollegin, die Ende Januar mit 63 Jahren in den Ruhestand gewechselt ist, hätte gern weitergemacht, sagt Heike Spieß. Ihr Antrag sei aber abgelehnt worden. Stattdessen wurde ihr gesagt, sie müsste sich nochmal bewerben. Diese Reaktion begründet Tullner mit der datenschutzrechtlichen Regelung, dass jede Personalakte mit Ausscheiden eines Lehrers geschlossen wird. Er kann das Unverständnis verstehen, will den Fall aber aufgreifen.

Von 36 auf 32 sinkt die Zahl der Ciervisti-Lehrer bis September. Unterdessen steigt die Zahl der Schüler an - momentan liegt diese bei 542. Zum Vergleich: Im September 2017 unterrichteten noch 44 Lehrer die damals nur 468 Schüler. Der Wert ist mittlerweile weit überschritten und erhöht sich wöchentlich, berichtet Kirsten von Mandel von Kindern, die vom Gymnasium auf die Sekundarschule wechseln wollen. Aktuell liegen Anmeldungen von Siebt- und Zehntklässlern vor. Wie viele es am Ende insgesamt sein werden, ist noch offen.

In Kreisvolkshochschule ausweichen?

Fakt ist, dass sie alle unterrichtet werden müssen. An der Stelle kommt wieder das alte Platzproblem ins Spiel. Bereits seit 2011 nutzt die Schule den historischen Gebäudekomplex des früheren Frauenklosters an der Breite als Außenstelle. Derzeit werden dort allerdings neue Unterrichtsräume erschlossen. Bis Dezember 2022 sollen die Arbeiten abgeschlossen sein. Dass der Termin gehalten werden kann, bezweifelt Kirsten von Mandel. „Es geht dort nichts vorwärts“, ist ihr Eindruck. Bürgermeister Andreas Dittmann (SPD) erzählt von Problemen bei der Vergabe von Leistungen. Diesbezüglich hätte der Landrat aber inzwischen eingehakt, sei ihm zu Ohren gekommen. Denn Auftraggeber ist der Landkreis Anhalt-Bitterfeld als Schulträger. Uwe Schulze (CDU) schweigt zu diesem Thema.

Obwohl der scheidende Landrat ebenfalls an dem Arbeitsgespräch teilnimmt, kommt von ihm wenig. „Ich hab' noch keine Entscheidung auf dem Tisch“, lautet seine Antwort auf die Nachfrage der Elternvertreter zu ihren Alternativvorschlägen, um den steigenden Raumbedarf zwischenzeitlich abzufangen. Denn weitere Container können nicht die Lösung sein, findet Silke Lange. „Kurzfristig ja, aber nicht langfristg“, meint auch Kirsten von Mandel. „Mein Amt prüft das. Nicht alles, was man möchte, funktioniert“, entgegnet Schulze. Bereits Ende April hatten die Elternvertreter ihm ihre Vorschläge unterbreitet. Sie selbst favorisierten die übergangsweise Nutzung von Räumen im Gebäude der Kreisvolkshochschule, aber auch die zum Gymnasium gehörende Rephunschule brachten sie ins Gespräch.

Museumstechnik statt Digitalisierung

Digitalisierung ist ein weiteres Stichwort, das beim Treffen mit Tullner fällt. Mit „Museumstechnik“ sollen sie zukunftsorientiert arbeiten, kritisiert Lehrer Axel Krötzsch. Elf digitale Tafeln - für jeden Fachraum eine - wollte die Schule gern haben. „Nicht eine haben wir bekommen“, liegt Frust in seiner Stimme. Der Landkreis habe als erster Fördergelder aus dem Digitalpakt erhalten, sagt der Minister. Von Uwe Schulze kommt kein Kommentar.

Ganztagsschulkoordinator Ralph Schammer beklagt derweil die langsamen Leitungen, die das Arbeiten mit Online-Lernplattformen ausbremsen. Bis kurz vorm Schulgebäude liegt inzwischen Glasfaser an. Um das schnelle Internet hineinzuholen, „brauchst du einen Bagger für die letzten Meter“, sagt der Landrat. Andy Grabner greift spontan zum Handy, um bei der Telekom nachzuhaken. Im dritten und vierten Quartal sollen wohl alle Zerbster Schulen ans Breitbandnetz angeschlossen werden.

„Hier ballen sich die Probleme“, gesteht Marco Tullner. Er will Ciervisti als Schwerpunktschule aufnehmen, für die langfristig ein Konzept erarbeitet werden soll. Was er in seiner Funktion als Bildungsminister noch erreichen kann, wird sich zeigen. Denn am Sonntag werden die politischen Karten in Sachsen-Anhalt mit der Landtagswahl neu gemischt.