Nedlitz/Hagendorf l Es war Donnerstag gegen 5.30 Uhr, als Uwe Hahn, Tierpfleger beim Ziegenhof de Vries, seine Arbeit beginnt und nach den Schafen sehen will. Als er um die Ecke hinter den Stall biegt, sieht er erst kurz vor sich ein totes Schaf liegen, dann drei Meter dahinter einen Wolf, der sich an der Kehle eines zweites Schafes zu schaffen macht. „Weg!“, schreit er. Der Wolf lässt vom Schaf ab und springt fast aus dem Stand über den etwa einen Meter hohen Zaun und verschwindet.

Nachweislich Wölfe

Es ist das vierte Mal in zwölf Monaten, dass ein Schaf auf dem landwirtschaftlichen Hof von einem Wolf gerissen wird. Das es immer Wölfe waren ist nachweislich. Jan De Vries, Inhaber des Hofes, rief jedes Mal einen Gutachter vom Wolfskompetenzzentrum. Jedes Mal wurde eine DNA-Probe gemacht, die belegte, dass es sich um einen Wolf handele.

Dieses Mal entscheidet er sich, es auch der Presse zu melden. „Es geht mir nicht ums Geld oder so, es geht mir um die Sicherheit meiner Mitarbeiter und meiner Tiere“, sagt er deutlich. Denn der Riss war etwa vier Meter vom Ziegenstall entfernt, der zu dieser Jahreszeit an der Seite noch offen ist. Auch die Risse zuvor waren auf dem Betriebsgelände, der dritte sogar zwischen den Ställen. „Daran sieht man, dass der Wolf die Scheu auch vor dem Menschen verliert“, so de Vries. Und so lange nichts passiere, wird der Wolf immer näher kommen, ergänzt er.

Bilder

Ob es wirklich immer ein und derselbe Wolf war, der die Schafe gerissen hat, dass kann man trotz DNA-Probe nicht sagen. „Es wurden jeweils nur Tests gemacht, die die Art nachweisen“, erklärt Andreas Berbig vom Wolfskompetenzzentrum. Das hätte vor allem preisliche Gründe. Ein Test zur Artbestimmung kostet etwa 107 Euro. Ein Test, der auch noch das individuelle Tier bestimmen kann, etwa das doppelte. Auch auf Forderung von Jan de Vries wird beim jetzigen Tier dieses Mal ein Individualtest angefertigt werden, um nachzuweisen, ob es immer der gleiche Wolf ist.

Ein Problemtier

Jan de Vries ist das wichtig. „Damit man einstufen kann, ob es sich hier um ein Problemtier handelt.“ Vorerst will de Vries aber selbst auch noch weitere Schutzmaßnahmen ergreifen.

Erst ein Teil seines Geländes ist mit einem vom Landwirtschaftsministerium empfohlenen Zaun umgeben. An der besagten Seite des jüngsten Vorfalls noch nicht. Ein 1,40 hoher Zaun mit 40 Zentimeter Untergrabschutz wird aber auch hier demnächst stehen.

Sollte nach den Vorkehrungen sich noch ein weiterer Riss ereignen und nachgewiesen werden können, dass es sich hier um das gleiche Tier handele, dann müsse man über Maßnahmen nachdenken, sagt Andreas Berbig.

Nicht auffällig

Er verstehe den Unmut der Landwirte, denn es sind Sorgen um die Sicherheit der Tiere, Aufwand und Kosten, die die Landwirte belasten. Aber: „Bei vier Wolfsrissen in zwölf Monaten gehe ich nicht davon aus, dass es sich zwingend um das gleiche Tier handelt. Dafür sind die Abstände zwischen den Rissen zu groß“, erklärt er. Außerdem wäre noch kein auffälliges Verhalten zu sehen gewesen. Ein Wolf sei ein Raubtier, dass sich Nahrung suche, wie es ein Fuchs eben auch tut.

Jonas Döring, Wolfsbeauftragter der Jägerschaft Zerbst, denkt, dass das schwer einzuschätzen ist und findet es bedenklich, dass der Wolf sich so nah an die Bebauung herangetraut hat. Er nimmt ehrenamtlich für den Großraum Zerbst Wolfssichtungen und Risse auf, um ein lokales Monitoring gewährleisten zu können. Ein Monitoring Jahr beginnt immer im Mai. Seit Mai wurden ihm sechs Meldungen gemacht. Vermutliche Sichtungen wurden zweimal aus dem Raum Steutz/Kermen gemeldet, zwei vermutliche Sichtungen mit einem Damwildriss im Gebiet Reuden/Nedlitz, ein Riss bei Lietzo und ein Riss auf einem Acker bei Deetz. Der Riss beim Ziegenhof de Vries ist der erste Nutztierriss, der bei Jonas Döring gemeldet wurde.

Noch immer ist es wohl nicht bekannt genug, vor allem unter den Landwirten, dass man Risse, Sichtungen oder Spuren bei der Jägerschaft unkompliziert melden kann. Dabei wäre es dringend notwendig, um ein konkretes Bild des Wolfbestandes zeichnen zu können.