Fußball

Geteilte Meinungen zu gemischten Teams im Fußball

Kürzlich ließ der niederländische Fußballverband (KNVB) mit einer außergewöhnlichen Nachricht aufhorchen.

Von Stefan Rühling
Ändert sich das Bild des Fußballs auch in Sachsen-Anhalt und künftig begegnen sich nicht mehr nur Frauen oder Männer, sondern Frauen und Männer?
Ändert sich das Bild des Fußballs auch in Sachsen-Anhalt und künftig begegnen sich nicht mehr nur Frauen oder Männer, sondern Frauen und Männer? Foto: Stefan Rühling

Haldensleben - Das sei ein „historischer Moment für den Amateurfußball und das auch weltweit“, erklärte der niederländische Fußballverband vor einigen Tagen. Gemeint war die Entscheidung des Vorstands, ab dem Beginn der Saison 2021/2022 weitreichende Änderungen im Amateurfußball des Landes vorzunehmen. Der KNVB entscheide sich bewusst für Diversität und Gleichstellung, sagte der Direktor des Amateurfußballs beim KNVB, Jan Dirk van der Zee. „Wir wollen, dass Mädchen und Frauen auf der Grundlage ihrer Qualitäten und eigenen Ambitionen einen passenden Platz in der Fußball-Landschaft finden.“

Frauen- und Mädchen-fußball erlebt in den Niederlanden einen Boom

Fußball wird bei Mädchen in den Niederlanden immer populärer. Bisher waren Mädchen aber nur in den Jugendmannschaften zugelassen und Frauen höchstens noch in den B-Mannschaften bei den Senioren. Mit der neuen Regelung kann es nun sogar möglich sein, dass gemischte Teams aus Frauen und Männern in Pokalspielen gegen die Profis von Ajax Amsterdam oder PSV Eindhoven antreten.

Rückläufiger Trend in Sachsen-Anhalt

In Sachsen-Anhalt erlebt der Frauen- und Mädchenfußball derzeit auch einen Trend – allerdings genau entgegengesetzt zu dem der Niederländer. Die Anzahl der Mannschaften im weiblichen Bereich geht stetig zurück. „Gab es Anfang der 2000er Jahre noch knapp 60 Großfeld-Mannschaften im Landesmaßstab, so sind es heute nicht einmal mehr zehn Teams“, sagt Gerald Bleidorn, Abteilungsleiter Fußball beim SV Irxleben. Der 58-Jährige muss es wissen, schließlich war er viele Jahre bei Handwerk Magdeburg und später Lindenweiler/Gerwisch für den Frauenfußball verantwortlich. Seit kurzem versucht er nun, beim SV Irxleben an die erfolgreiche Zeit des Frauenfußballs anzuknüpfen und eine neue Mannschaft aufzubauen.

Grundsätzlich befürworte ich alles, was der Entwicklung des Frauenfußballs dient.

Gerald Bleidorn„Grundsätzlich befürworte ich alles, was der Entwicklung des Frauenfußballs dient“, sagt Bleidorn und ergänzt. „Beim Vorstoß des holländischen Fußballverbandes kommen mir so meine Zweifel, ob dieses Modell in Deutschland auf Akzeptanz treffen kann. Haben wir nicht erst vor einigen Monaten über die Rolle des Frauenfußballs in Deutschland gesprochen? Es ging um Forderung nach Unterstützung durch den Deutschen Fußball-Bund, den Bundesliga-Vereinen sowie den Landesverbänden, um neue Vermarktungsmöglichkeiten zu generieren, die am Ende professionellere Strukturen zulassen.“

Man muss konstatieren, dass bezogen auf Sachsen-Anhalt überhaupt keine Basis für ein derartiges Modell besteht.

Gerald BleidornDoch damit nicht genug: „Persönlich sehe ich diesen Vorstoß nicht zielführend und übertragbar. Erstens betrifft es nur einige wenige, die sich im Bereich der Männerteams etablieren würden. Zweitens würden wir den Frauenfußball schwächen, wenn die besten Spielerinnen nicht mehr in den Frauenligen zum Einsatz kämen. Drittens muss man klar konstatieren, dass bezogen auf Sachsen-Anhalt überhaupt keine Basis für ein derartiges Modell besteht. In unserem Land geht es eher darum, den Frauenfußball am Leben zu erhalten, da die Zahl der Mannschaften wie auch der Spielerinnen seit Jahren rückläufig ist“, findet Bleidorn deutliche Worte.

Dazu richtet der Irxleber Abteilungsleiter seine Kritik direkt adressiert an den Fußballverband Sachsen-Anhalt (FSA): „Beispielsweise der Tag des Mädchenfußballs findet nicht mehr statt. Dafür werden Themen diskutiert, deren Gewichtigkeit und vor allem Nachhaltigkeit für mich sehr fragwürdig erscheinen: Futsal und E-Soccer.“

Eine ähnliche Meinung zu der neuen Regelung in den Niederlanden hat auch Kirsten Matschkus. Die Trainerin des Verbandsligisten SV Medizin Uchtspringe ist selbst seit über 30 Jahren am runden Leder aktiv und weiß, wie die Entwicklung des Frauenfußballs in Sachsen-Anhalt in dieser Zeit aussah. „Ich bin gegen dieses Modell, weil ich denke, dass dann die Spielerinnen mit weniger Talent auf der Strecke bleiben würden.“

Ich halte sehr viel von diesem Vorstoß.

Peter LauenrothEs gibt aber auch andere Stimmen im Land, was Peter Lauenroth, Trainer der Frauen beim Ohrekicker Wolmirstedt e. V. deutlich macht: „Ich halte sehr viel von diesem Vorstoß. Es geht ja um das Leistungsprinzip und sich miteinander zu messen. Welchem Geschlecht die Akteure angehören, kann ja – gerade in der heutigen Gesellschaft - egal sein. Es sollte generell nicht mehr nach Hautfarbe oder Geschlecht gehen, sondern nach dem Menschen. Wenn die Frau genauso gut oder sogar besser ist als ein Mann, dann soll sie die Tätigkeit machen. Und so halt auch beim Sport. Wichtig ist doch der Spaß am Spiel.“

Nur in bestimmten Altersklassen machbar.

Steven JanderSteven Jander vom SV Blau-Gelb Ausleben findet das Thema „grundsätzlich als eine gute Sache, um den Frauenfußball voranzutreiben“. Er sieht allerdings auch Grenzen: „Ich denke, dass das nur bis zu einer bestimmten Altersklasse machbar beziehungsweise möglich ist. Denn irgendwann können Frauen körperlich gegenüber den Männern in diesem Kontaktsport einfach nicht mehr mithalten.“ Dafür hat Jander aber auch eine Idee: „Wenn natürlich beide duellierenden Mannschaften mit der gleichen Anzahl an Frauen im Team spielen, dann könnte sich das über kurz oder lang ausgleichen. Daher finde ich den Versuch der Niederländer sehr ehrenhaft.“

Fußballverband Sachsen-Anhalt hält sich bedeckt

Nicht verborgen blieb das Thema um den niederländischen Vorstoß auch dem Ausschuss für Frauen- und Mädchenfußball innerhalb des Fußballverbands Sachsen-Anhalt. „Der FSA steht dem Vorschlag grundsätzlich offen gegenüber und beschäftigt sich auch intensiv mit der Thematik“, sagt Hans-Matthias Ermisch auf Nachfrage der Volksstimme. Der Ausschussvorsitzende macht aber auch deutlich, dass es im Land keinen Modellversuch ähnlich der Niederländer geben wird. „Der FSA würde eine Positionierung des DFB und des NOFV zum besagten Thema begrüßen, um die Umsetzung auf einer rechtlichen und regeltechnisch abgesicherten Ebene gegebenenfalls gewährleisten zu können.“

Die strikte Trennung zwischen Frauen und Männern ist mit Blick auf die Geschlechter-gerechtigkeit auch im Amateurfußball nicht mehr zeitgemäß.

Günter Distelrath

Der Deutsche Fußball-Bund ist da schon wieder einen Schritt weiter. Geht es nach dessen Vize-Präsident Günter Distelrath, der zugleich Präsident des Niedersächsischen Fußballverbands (NFV) ist, sollen ab der Oberliga abwärts „so schnell wie möglich“ Frauen in Männermannschaften mitspielen dürfen. Ein entsprechender Antrag ist in Planung.

„Die strikte Trennung zwischen Frauen und Männern ist mit Blick auf die Geschlechtergerechtigkeit auch im Amateurfußball nicht mehr zeitgemäß“, wurde Distelrath jüngst in einer Mitteilung seines NFV zitiert. Er wolle erreichen, „dass sich die Fachabteilungen und Gremien des DFB mit der Frage der Umsetzung befassen und mit Blick auf den nächsten Bundestag einen entsprechenden Antrag erarbeiten“. Denn, so Distelrath, „wir wollen mehr Frauen in verantwortungsvolle Positionen des Fußballs holen. Dann aber dürfen wir sie auf dem Platz nicht weiter ausschließen.“