Skisport

Skiverband Sachsen-Anhalt: Aus für Winterbergprojekt ist ein harter Schlag

Das Aus des Winterbergprojektes ist auch für den Skiverband Sachsen-Anhalt ein herber Rückschlag. Volksstimme- Sportredakteur Ingolf Geßler unterhielt sich vor diesem Hintergrund mit des Präsidenten des Landesverbandes, Dr. Rüdiger Ganske.

Von Ingolf Geßler
In idyllischer Winterlandschaft präsentierte sich in diesem Jahr über viele Wochen das Loipenhaus. Als Station für den Bergsport und für Umweltbildung durch Bewegung ist es für das Nordic Aktiv Zentrum des Deutschen Skiverbandes von großer Bedeutung.
In idyllischer Winterlandschaft präsentierte sich in diesem Jahr über viele Wochen das Loipenhaus. Als Station für den Bergsport und für Umweltbildung durch Bewegung ist es für das Nordic Aktiv Zentrum des Deutschen Skiverbandes von großer Bedeutung. Foto: Skiverband Sachsen-Anhalt

Wernigerode

Das Winterbergprojekt ist durch den Rückzug von Gerhard Bürger aus dem Projekt vorerst gestoppt. Das Raumordnungsverfahren ruht. Wie geht ihr als Skiverband mit dieser Situation um?

Dr. Rüdiger Ganske: Die Reaktion von Gerhard Bürger ist aus unternehmerischer Sicht verständlich. Mit dem Stadtratsbeschluss von 2013 wurde die Grundlage formuliert, die Machbarkeit für das Winterbergprojekt zu prüfen. Die Ergebnisse dafür wurden 2014 mit der Machbarkeitsstudie „Natürlich.Schierke“ geliefert. Seit 2015 hat sich Gerhard Bürger in das gemeinsame Investitionsvorhaben mit der Stadt Wernigerode eingebracht. Aufgrund der schwierigen Genehmigungssituation hätte es – auch mit Blick auf das 2001 verabschiedete Nationalparkgesetz, das eigens durch die Landesregierung mit der „Entlassung“ des Winterberggebietes aus dem Nationalpark geschaffen wurde – einer konzertierten Aktion zwischen Landesregierung und den Akteuren „vor Ort“ bedurft. Diese fand jedoch nicht statt. Anscheinend fehlt dort das Verständnis, gemeinsam Verantwortung für eine ausgeglichene und alle Seiten berücksichtigende Entwicklung zu übernehmen.

Der Skisport hat sich bis zum gegenwärtigen Ende des Winterbergprojektes im Ganzjahresansatz des Projektes gut aufgehoben gefühlt. Nunmehr gilt es, dass wir unsere eigenen Ansätze explizit herausstellen. Ein Plan B in Schierke muss auch die nordischen Sportarten berücksichtigen und darf den „Winter“ nicht komplett in Frage stellen.

Welche sind das?

Unser Sportkoordinator Thomas Hedderich und ich haben bereits vor einem Jahr in einem Interview auch im Sportteil der Volksstimme auf die Bedeutung des Raumes um Schierke für den Nachwuchsleistungssport und den Breitensport im Skisport aufmerksam gemacht. „Ganzjährig nutzbare Sportstätten ein Muss“ lautete damals die Überschrift. Die konzeptionellen Grundlagen dafür wurden unmittelbar nach der Wiedervereinigung in dem Projekt Schierke 2000 gelegt. Auch wenn so mancher diesen Hinweis auf die damalige Situation nicht mehr hören kann: Durch die Festsetzung des Nationalparkes Hochharz wurden Schierke sportlich und skikulturell bedeutsame Wintersportanlagen genommen. Das Projekt Schierke 2000 bot dafür den Ersatz sowohl für den Skisport aber auch für die nachhaltige touristische Entwicklung des Ortes und mündete im in Frage eins erwähnten Nationalparkgesetz von 2001.

Schierke ist mit seiner Umgebung und der spezifischen Topografie mit den großen Höhenunterschieden ein außerordentlich attraktiver, ganzjährig funktionierender sporttouristischer Hotspot.

Dr. Rüdiger Ganske

Was wurde davon bereits umgesetzt?

Im Ergebnis einer Vielzahl von Arbeitsgruppensitzungen, zum Teil mit interministeriellem Charakter und unter anderem mit Beteiligung des Deutschen Skiverbandes, der Stadt Braunlage oder der sachsen-anhaltischen Umweltverbände konnten bereits damals für einzelne Vorhaben in diesem ökologisch sensiblen Bereich Genehmigungen für die Umsetzung erwirkt und deren Finanzierung organisiert werden: Dazu zählt 2003 der Bau der Wettkampfloipe auf dem Grünen Band, auf der 2004 gemeinsam mit dem WSV Braunlage der Weltcup B in der Nordischen Kombination stattfand, und die Eröffnung des Loipenhauses 2008.

In diesen Rang gehören auch das 2005 gestartete Loipenprojekt des Fördervereins für Skisport und Naturschutz im Harz?e.V., welches das heute das 70 Kilometer umfassende Loipennetz um Schierke bildet und 2006 die Eröffnung des Nordic Aktiv Zentrums des DSV in Schierke. Neben dem sportlichen Akzent ist diesen Projekten der ganzheitliche sporttouristische Ansatz, das Potenzial der Umweltbildung und die Aufgabe der Gesundheitsförderung gemeinsam.

Wie sollte aus Deiner Sicht die damals begonnene Entwicklung fortgeschrieben werden?

Schierke ist mit seiner Umgebung und der spezifischen Topografie mit den großen Höhenunterschieden ein außerordentlich attraktiver, ganzjährig funktionierender sporttouristischer Hotspot. Das zeigt sich durch die permanent steigende Nutzung unter anderem durch Mountainbiker, Wanderer, Skiläufer oder Skitourengeher. Das dieses Gebiet flächig bedeckende Nordic Aktiv Zentrum des DSV wird eingerahmt durch das Grüne Band mit dem Loipenhaus, dem Parkhaus in Schierke beziehungsweise der Schierker Feuerstein Arena. Vor allem das Loipenhaus als Station für den Bergsport und für Umweltbildung durch Bewegung wird bei diesem Ansatz seine ursprüngliche Bedeutung erfahren.

Darüber hinaus macht es Sinn, das kürzlich vorgestellte Trailprojekt der Sporthochschule Köln im genehmigungsfähigen Bereich, also in der Regel auf vorhandenen Wegen, weiter zu präferieren beziehungsweise den Bereich zwischen der modernisierten Rennschlittenbahn, dem Parkhaus und der Schierker Baude mit der durch den Skiverband geplanten ganzjährig nutzbaren Loipe auch als Sportbereich zu interpretieren.

Wenn aus umweltrechtlicher Sicht die Nutzung prioritärer Lebensräume vermieden wird, die meisten Vorhaben also auf vorhandenen Wegen, auf bereits genehmigten Anlagen wie der Wettkampfloipe auf dem Grünen Band genutzt werden, sollten die Vorhaben im Nordischen Bereich umsetzungsfähig sein.

Dr. Rüdiger Ganske

Warum hat gerade Schierke für den organisierten Skisport diese herausragende Bedeutung?

Die zentrale Lage des Harzes, die gute Erreichbarkeit für die Vereine, die Attraktivität der Landschaft, die Strahlkraft der Tradition des Skisportes und – trotz der Auswirkungen des Klimawandels – die Faszination Schnee in den Hochlagen sind wie vor 125 Jahren, als sich im Harz der organisierte Skisport gründete, Anziehungspunkte für Vereine und individuell Sporttreibende. In Verbindung mit Bewegung in der Natur bestehen ein hoher Erholungswert und mit den ausgezeichneten Voraussetzungen für Gesundheitsförderung ein gutes Fundament für den Breitensport. Auch wenn aktuell nur Hoffnungen auf eigene alpine Angebote im ehemaligen heilklimatischen Kurort und alpinen Wintersportplatz Schierke bleiben – mit der Verbindung zu Braunlage über das Wurmberggebiet kann dieses Defizit sowohl im touristischen als auch im sportlichen Bereich etwas kompensiert werden.

Ihr arbeitet gegenwärtig als Verband intensiv an der Stabilisierung des Nachwuchsleistungssportes insbesondere mit dem Projekt „Erststartrecht“. Welche Auswirkungen hat das Aus des Winterbergprojektes auf diese Entwicklungen?

Der Nachwuchsleistungssport ist ein elementarer Baustein im Skiverband Sachsen-Anhalt. Die Vereine leisten hier eine hervorragende Arbeit. Unser System, dass die Talente, wenn sie in Bundesstützpunkte mit den Eliteschulen des Sportes wie Oberwiesenthal oder Oberhof wechseln, weiterhin für ihre Heimatvereine und damit für den SVSA und das Land Sachsen-Anhalt starten, trägt zur Motivation und Identitätsbildung bei. Im Zuge der im vergangenen Jahr mit Deutschem Skiverband, Deutschen Olympischen Sportbund und LandesSportBund verabschiedeten Regionalen Zielvereinbarung wurde der Standort Wernigerode/Schierke als „Hervorgehobenen Stützpunkt“ des DSV benannt.

Das schneesichere Areal um Schierke ist heute, durch den Klimawandel verstärkt, Hauptnutzungsgebiet zur Ausübung von Schneesport und Entwicklung von Leistungen der Wintersportvereine! Deshalb ist die Modernisierung und Aufwertung vorhandener Sportanlagen wie die Wettkampfloipe am kleinen Winterberg beziehungsweise der Bau der Loipe im Bereich zwischen Parkhaus und Rennschlittenbahn existenziell. Dabei bleibt die Erreichbarkeit der Wettkampfloipe mit dem Loipenhaus eine zentrale Aufgabenstellung.

Wie sieht ein „Blick nach vorn“ aus Deiner Sicht aus? Wie siehst Du die Chancen der Umsetzung?

„Das Machbare jetzt machen“ sollte der Maßstab sein. Wenn aus umweltrechtlicher Sicht die Nutzung prioritärer Lebensräume vermieden wird, die meisten Vorhaben also auf vorhandenen Wegen, auf bereits genehmigten Anlagen wie der Wettkampfloipe auf dem Grünen Band genutzt werden, sollten die Vorhaben im Nordischen Bereich umsetzungsfähig sein. Einige bereits vorhandene Bausteine wie das Loipenhaus, das Nordic Aktiv Zentrum des DSV bieten mit weiteren Strukturen wie der Rennschlittenbahn, der Schierke Baude, dem Nationalpark oder der Schierker Feuerstein Arena hinreichendes Potenzial für attraktives, ganzjähriges Bergmarketing, in dem neben Sport und Bewegung, Umweltbildung und Gesundheitsförderung weitere Schwerpunkte bilden.

Der Skiverband wird sich in diesen Prozess einbringen und das Land auch an seine Jahrzehnte alten, immer wieder wiederholten Versprechen, zur Entwicklung Schierkes erinnern. Zur Wahrheit gehört dazu, dass eine Landesregierung zum Wohle des eigenen Volkes agieren muss. Mit Kompromissbereitschaft und Kreativität sollten wirtschaftliche, touristische, naturschutzfachliche und soziale Ziele vereinbar sein. Wichtig aber ist: keine Blockade mehr und kein Tabudenken!