Altmark l „Aktuell fehlen in unserer Apotheke 122 Medikamente.“ Apothekerin Nadine Neumann von der Hansa-Apotheke in Salzwedel steht vor einem Regal mit großen Lücken. Immer öfter müssen Neumann und ihre Berufskollegen einen Riesenaufwand betreiben, um ihre Kunden mit wichtigen Medikamenten zu versorgen.

Die Salzwedelerin beschreibt mal, wie ein solcher Fall aussehen könnte: „Wenn ein Patient ein bestimmtes Medikament braucht, was ich aktuell nicht vorrätig habe, frage ich ihn erstmal, wie groß sein Vorrat ist. Der Kunde hat das Arzneimittel vielleicht noch für eine Woche? Gut! Dann frage ich bei meinem Großhändler und anderen Apotheken in Salzwedel nach.“ Manchmal kann sie das Medikament dann auftreiben. Ist die Anfrage erfolglos, muss Nadine Neumann weiter telefonieren, und zwar mit dem behandelnden Arzt, um nach einem anderen Wirkstoff zu fragen. Ist eine Umstellung nicht möglich, versucht sie ihr Glück bei Kollegen außerhalb. Neulich konnte ihr zum Beispiel erst ein Kollege in Lostau ein benötigtes Medikament zuschicken. Ein Aufwand, der in keinem Verhältnis zu ihrer Leistung steht ...

„Im schlimmsten Fall muss der Kunde bis zu 80 Euro aus eigener Tasche bezahlen.“

Und nicht nur die Apotheker zahlen drauf. Neumann hat noch ein anderes Beispiel parat: Der Kunde ist Mitglied bei der Krankenkasse X und hat ein Rezept für Ibuprofen 600. Die Krankenkasse hat einen Rabattvertrag mit einem bestimmten Hersteller. Der kann nicht liefern. „Also muss sie schauen, welches kostengünstigste Präparat sie sonst bekommen kann. „Im schlimmsten Fall muss der Kunde bis zu 80 Euro aus eigener Tasche bezahlen“, sagt die Fachfrau. „Das versuche ich aber zu vermeiden.“

Auch andere Apotheken im Kreis haben mit den Lieferengpässen zu kämpfen. So hat eine Gardelegener Apothekerin, die namentlich nicht genannt werden möchte, bereits mehr als 200 unterschiedliche Medikamente beim Großhandel und den Pharmaunternehmen angefragt – erfolglos. „Vor einem Jahr waren es noch etwa 100 Präparate, die nicht lieferbar waren.“ Und die Lage, schätzt sie ein, spitzt sich weiter zu.

Mal seien es Blutdrucksenker, mal Schmerzmittel, die fehlen. „Neulich gab es auch mal bei Psychopharmaka Lieferprobleme“, erzählt die Unternehmerin. Welche Medikamente jeweils betroffen seien, sei oft davon abhängig, welche Pharmaunternehmen bei den Rabattverträgen mit den Krankenkassen den Zuschlag für die Produktion erhalten hätten. Diese müssten die Apotheken dann bei bestimmten Medikamenten bevorzugen.

Das wiederum habe fatale Folgen: „Da in der Regel nur die günstigsten Anbieter den Zuschlag der Kassen erhalten, stellen andere Hersteller ohne Zuschlag ihre Produktion ein.“ Manch kleinere Firma, die den Zuschlag der Kassen bekomme, könne ein Medikament dann zwar günstig produzieren, aber womöglich nur in geringen Mengen. „Sehen die Rabattverträge keine anderen weiteren Anbieter vor, beginnt bei den Apotheken ein Wettlauf um die schnellste Bestellung, bis die Lieferungen stocken...“

Im einfachsten Fall dürfe der Patient nach Absprache mit dem behandelnden Arzt ein anderes Produkt mit anderer Dosierung erhalten. Dann müssten statt einer Tablette, einfach nur zwei eingenommen werden. Oder die Verpackungen enthielten weniger Pillen – statt 100 nur 50, „dann benötigt der Patient zwar zwei Schachteln, die insgesamt etwas teurer sind, doch erstmal sei der Bedarf gedeckt.

Seien solche „kleinen Kniffe“ allerdings nicht mit dem Arzt abgesprochen, könnte das den Apotheken Probleme bereiten. Wenn die Krankenkasse das nämlich nicht anerkenne, drohe ein Kostenausfall.

„Wir haben einige Patienten, die das neue Medikament nicht vertragen.“

Ganz ausgeschlossen seien solche Alternativen, wenn ein Patient nur ein bestimmtes Medikament von einem bestimmten Hersteller erhalten soll. Auf dem Rezept ist dann das „Aut-idem-Kreuzchen“ gesetzt. Bei Nichtverfügbarkeit und Nichtlieferbarkeit des Medikamentes bleibt dem Erkrankten letztlich nur, sich dem behandelnden Arzt wieder vorzustellen, in der Hoffnung auf eine andere Lösung.

Diese Fälle kennt eine Medizinerin aus dem Altmarkkreis, die ebenfalls ungenannt bleiben will, nur zu gut. Sie beziffert die Zahl der Medikamente, die aktuell nicht lieferbar sind sogar auf bis zu 280. Dazu kämen noch die nicht lieferbaren Impfstoffe.

Das Problem sieht die niedergelassene Allgemeinmedizinerin vor allem darin, dass die Kassen ihre Rabattverträge immer häufiger wechseln würden. Patienten müssten sich dann ebenso häufig an die neuen Präparate gewöhnen. Bei manchen gelinge das. „Aber wir haben auch einige Patienten, die fixiert auf das bisherige Medikament sind und das neue nicht vertragen.“ Dann wird es kritisch. Denn dann müsse sie „solange herumprobieren, bis wir eines gefunden haben, das passt“.

Große Gefahren sieht die Ärztin vor allem bei älteren Patienten. „Da ist die Pille plötzlich blau und nicht weiß. Da kommen manche durcheinander.“ Das wiederum kann ziemlich gefährlich werden.

Eigentlich sei das ein unhaltbarer Zustand, schätzt sie ein. „Das ist ein Produkt der Marktwirtschaft. Sowohl die Krankenkassen als auch die Pharmaunternehmen haben Dollarzeichen in den Augen. Und in den Praxen reden wir uns den Mund fusselig, um den Patienten die Gründe zu erklären.“ Nur die Politik könne da etwas ändern.

Nein, passiert sei zum Glück noch nichts, sagt sie auf Nachfrage. Die Betonung liegt offenbar auf „noch“.