London (dpa) - Eigentlich wollten The Killers in diesem Sommer eine riesige Europa-Tournee absolvieren. Als Headliner war die Band aus Las Vegas für große Festivals gebucht und sollte Konzerte in mehreren Fußballstadien geben. Es kam bekanntlich anders, und die Tour wurde auf 2021 verschoben.

Immerhin erscheint nun mit einigen Monaten Verspätung das sechste Killers-Album "Imploding The Mirage", das mit seinem bombastischen Rocksound fast wie ein Stadionkonzert klingt.

"Wir haben mit Synthesizern und organischen Instrumenten rumprobiert", erzählt Frontmann Brandon Flowers im Telefoninterview der Deutschen Presse-Agentur. "Wenn man die beiden zusammenbringen kann, dann ist das für mich ein Gewinn." So zu hören in "My Own Soul's Warning". Die mitreißende Single eröffnet das neue Album mit einem dominanten Synthesizer-Riff, mit Xylofon-Klängen, markanten Gitarren und dem donnerndem Schlagzeug von Ronnie Vannucci.

Flowers, der sich während seiner Karriere von einem guten zu einem genialen Sänger entwickelt hat, singt mit gewohnter Leichtigkeit und viel Gefühl. Vannucci und Flowers bilden inzwischen den Kern der Band. Gitarrist Dave Keuning hat sich vorerst zurückgezogen, er war am neuen Album nicht beteiligt. Mark Stoermer spielte auf einigen Songs Gitarre und Bass. "In einer perfekten Welt würden alle (vier) alles geben und mit Begeisterung Musik machen, aber das ist momentan nicht der Fall", sagt Flowers, der schon länger mit der Bandsituation hadert.

Ihrer Musik hat es nicht geschadet. Die Killers machen auf "Imploding The Mirage" das, was sie am besten können, und zwar durchgängig. Konnte man in der Vergangenheit schon mal den Eindruck bekommen, sie wären eine Singles-Band, liefern sie auf dem neuen Album eine Ohrwurm-Hymne nach der anderen. Schwache Songs oder Lückenfüller? Fehlanzeige.

Souverän bewegen sie sich zwischen sanftem Rock mit Americana-Feeling ("Blowback"), dem elektronischen Sound der New Wave ("Dying Breed") oder griffigem Rock'n'Roll ("Running Towards A Place") - alles in ihrem eigenen, unverkennbaren Killers-Stil.

Dabei wehte auch ein Hauch von Bruce Springsteen durchs Studio. Die musikalischen Einflüsse von Haupt-Songwriter Flowers sind nicht zu überhören. "Ich habe immer ein bisschen Springsteen in mir", sagt der Sänger. "Und ein bisschen Manchester." Der 39-Jährige hat auch ein Faible für die Soundpioniere von Joy Division und deren Nachfolgeband New Order, auch für The Smiths, die ebenfalls aus Manchester stammen.

"Dying Breed" habe "den Geist von (Smiths-Gitarrist) Johnny Marr und das Herz eines Bruce Springsteen", sagt Flowers und lacht. Durch und durch ein Musikfan, spricht er mit Begeisterung über seine Vorbilder. Kein Zufall, dass man sich gelegentlich an den melodischen Bass des ehemaligen New-Order-Bassisten Peter Hook erinnert fühlt.

Darauf angesprochen reagiert Flowers erfreut. "Der Song 'The Perfect Kiss' von New Order hat einen meiner liebsten Bass-Momente in der Musikgeschichte, und daran erinnert es", schwärmt er. "Es ist schön, dass man das bei uns raushören kann."

Eines ihrer Idole, der frühere Fleetwood-Mac-Gitarrist und -Sänger Lindsey Buckingham, stand sogar mit den Killers im Studio. Der 70 Jahre alte Rockveteran krönte die Single "Caution" mit einem seiner unverkennbaren Gitarrensoli. Auch die kanadische Sängerin K.D. Lang, Adam Granduciel von der Folkrock-Band The War On Drugs und die Singer-Songwriterin Weyes Blood sind als Albumgäste eine hochklassige stimmmliche Verstärkung.

Das vor drei Jahren erschienene "Wonderful, Wonderful" war ein überwiegend melancholisches, sehr emotionales Album. Flowers hatte es seiner Frau Tana gewidmet, die damals unter schweren Depressionen litt. Im Jahr der Veröffentlichung zog er mit ihr und den drei Söhnen aus der bunten, hektischen Scheinwelt von Las Vegas/Nevada in die unprätentiöse Kleinstadt Park City in Utah.

"Eine wundervolle Entscheidung", sagt der Familienmensch, der jenseits von Bühne und Studio eher schüchtern ist. "Wir sind alle sehr glücklich hier." Der Albumtitel, sinngemäß "Zerstörung des Trugbilds", ist eine Metapher für den Abschied von Las Vegas.

Es hat also gute Gründe, dass die neuen Songs der Killers vor Energie und Positivität sprühen. Großes Lob verdient auch das Produzentenduo Jonathan Rado und Shawn Everett, das die Musik perfekt eingefangen und "Imploding The Mirage" einen breiten, üppigen Klang gegeben hat.

Das sechste Album der Killers ist vielleicht sogar ihr bestes. Zweifellos bestätigt es den Status als Stadionband. Auch wenn es noch eine ganze Weile dauern wird, bis Brandon Flowers, Ronnie Vannucci und Co. wieder in einem Stadion auftreten können.

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