Wie der Bug eines riesigen Schiffes ragt der Felsen von Gibraltar aus dem Mittelmeer. Eine beeindruckende Erscheinung und ein wichtiger Ort noch dazu. Über Jahrhunderte galt die Regel: Wer das Sagen über Gibraltar hat, hat das Sagen über das Mittelmeer. Seit 1704 überwachen die Briten von dort, wessen Schiffe durch die Meerenge herein- und herausfahren. Militärisch ist die letzte europäische Kolonie inzwischen unbedeutend, doch der traditionelle Konflikt zwischen Spanien und Großbritannien flammt immer wieder auf. So auch jetzt.

Das sagt Spanien

Die spanische Regierung wirft Gibraltar vor, ohne Absprache ein künstliches Riff in der gemeinsam genutzten Bucht angelegt zu haben. Das Riff besteht aus mehreren Betonklötzen, aus denen Eisenstachel herausragen. Diese wiederum würden die Netze spanischer Fischer zerstören. Im Gegenzug führte Spanien wieder langwierige Grenzkontrollen ein.

Das sagt Gibraltar

Fabian Picardo, Regierungschef, sieht in dem Riff einen Beitrag zum Naturschutz. Die Bucht sei völlig überfischt und Schleppnetze, wie sie die Spanier verwenden, ohnehin verboten. Das neue Riff soll den Fischbeständen helfen, sich wieder zu erholen. Die Grenzkontrollen empfinden die Bewohner Gibraltars als bloße Schikane.

Das steckt dahinter

Der Ton zwischen Madrid und London ist im Bezug auf Gibraltar schon lange rau. Miguel Ángel Moratinos war 2009 der erste und letzte spanische Außenminister, der den Felsen offiziell besuchte. Besonders die heute regierende konservative Volkspartei kritisierte "den Besuch im eigenen Land". Bis heute ist die britische Herrschaft über Gibraltar für viele Spanier ein Stachel im Fleisch. Und für Politiker immer wieder ein Thema zur innenpolitischen Profilierung. Mit Druck auf Gibraltar lässt sich punkten. Und Punkte kann Ministerpräsident Mariano Rajoy derzeit gut gebrauchen. Spanien ächzt unter seinen Schulden, junge Leute verlassen massenweise das Land und Rajoy und seine Partei stecken mitten in einem Korruptionsskandal. Da kann der Blick auf den "Affenfelsen" schmerzen. Gut 28 000 Menschen (so viele wie in Zeitz) - und 300 Affen - leben dort. 30 000 Firmen sind gemeldet. Das Bruttoinlandsprodukt Gibraltars ist mehr als doppelt so hoch, wie das Spaniens. Das kann nicht mit rechten Dingen zugehen, denken viele Spanier. Tatsächlich profitiert Gibraltar von vielen Ausnahmeregelungen. Besonders die niedrigen Steuersätze locken viele Unternehmen nach Gibraltar und eben nicht nach Spanien. Aus Sicht Madrids zu viel Geld, das dort verlorengeht. Hinzu kommt der Schwarzhandel, der rund um den Felsen noch immer florieren soll.

Klar ist: Spanien hätte gerne auch etwas aus dem reich gefüllten Geldtopf Gibraltars und mehr Mitsprache, was zum Beispiel die Landgewinnung in der Bucht angeht. Außenminister García-Margallo wird noch deutlicher: "Ich werde niemals einen Fuß nach Gibraltar setzen, bis dort nicht die spanische Fahne weht." Das wird so schnell nicht passieren. Die Bewohner Gibraltars sind leidenschaftliche Briten und die Kolonie für Großbritannien bis heute wichtiges Symbol eigener Stärke. Das Manöver englischer Kriegsschiffe vor Gibraltar diese Woche war zwar lange geplant, doch es passt zur angespannten Lage. Kanonenbootdiplomatie des 21. Jahrhunderts.

Bilder