Von Bettina Grönewald

Es ist ein radikaler Bruch mit dem System Rüttgers: Als Außenseiter hat sich Bundesumweltminister Norbert Röttgen am Sonntag im Kandidatenrennen um die nordrhein-westfälische CDU-Spitze durchgesetzt. In der Mitgliederbefragung zeigte die Basis dem Parteiapparat des abgewählten Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers überraschend deutlich die rote Karte.

Gegen das Düsseldorfer CDU-Establishment und gegen den Vorbehalt, ein Bundesminister könne sich nicht um die Landespartei kümmern, gewann Röttgen den Wettbewerb. Auf der Strecke blieb dabei Rüttgers‘ früherer Integrationsminister Armin Laschet.

Die Gratulationen tröpfelten aus der CDU erst langsam ein, schließlich wird Röttgen erst kommenden Sonnabend beim CDU-Landesparteitag offiziell gewählt. Auch Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hielt sich noch zurück. Aber sie freue sich, "einen starken Umweltminister im Kabinett zu haben", ließ Merkel über ihren Regierungssprecher ausrichten.

Denn den mitgliederstärksten Landesverband im Rücken, kann Röttgen jetzt auch in der Bundespartei mit einer starken Hausmacht auftrumpfen. Der 45-jährige Jurist, dem sogar Potenzial für das Kanzleramt attestiert wird, brauchte den Erfolg dringend. Die von der Bundesregierung geplante Verlängerung der Atomlaufzeiten ließ Röttgen als Verlierer dastehen. Die hohe Zustimmung, die ihm die Landesparteibasis nun schenkt, gibt ihm Wind unter die Flügel.

Ob er sich beim CDU-Bundesparteitag um einen Stellvertreterposten hinter Parteichefin Merkel bewerben will, ließ Röttgen offen. Dass ein solcher Posten den Nordrhein-Westfalen als dem größten Landesverband zustehe – daran ließ er allerdings keine Zweifel. Auf die Spitzenkandidatur bei der nächsten Landtagswahl erhob er klar seinen Anspruch. Seinem Selbstverständnis entspreche es, dass der Landesvorsitzende sich auch um das Amt des Ministerpräsidenten bewerben sollte, ließ er wissen. Der rot-grünen Minderheitsregierung von Hannelore Kraft kündigte Röttgen eine kraftvolle Oppositionsarbeit an.

Eingerahmt war der "Landesvorsitzende der Herzen" von einem unglücklich dreinblickenden Laschet und dem scheidenden Parteichef Rüttgers. "Ein Signal ist unübersehbar: Die CDU in Nordrhein- Westfalen hat eine wache Basis, die stark und interessiert ist", stellte Rüttgers fest. Die Basis gab dem Bundespolitiker Röttgen mit fast 55 Prozent einen deutlichen Vertrauensvorschuss vor dem Landespolitiker Laschet. Und das, obwohl beide sich als moderne Parteimanager mit Potenzial für schwarz-grüne Bündnisse ohne große Unterschiede präsentierten.

Nach der Wahlniederlage im Mai und den vorausgegangenen Skandalen, Parteiintrigen und Indiskretionen wollen die einfachen Parteimitglieder ganz offensichtlich einen Schlussstrich ziehen. Ihr starkes Votum gibt Röttgen die Lizenz zum Aufräumen im Düsseldorfer Parteiapparat, der in den vergangenen Monaten immer wieder für Negativschlagzeilen gesorgt hatte.

Während sich für Röttgen nun neue Perspektiven auch im Berliner Machtpoker eröffnen, ist die Urwahl für Laschet ein schwerer Rückschlag in seiner Karriere. "Ich hätte gern was anderes gesagt", räumt er offen ein, bevor er Röttgen gratuliert. Wie es mit ihm und mit Generalsekretär Andreas Krautscheid – einem anderen Vertreter der Rüttgers-Zeit – weitergeht, wird sich in den nächsten Tagen entscheiden.

Heute kommt der Landesvorstand der NRW-CDU zusammen, um über Nominierungen für den neuen Landesvorstand und für den Bundesparteitag zu beraten. Am Samstag haben die Delegierten des Bonner Landesparteitags das letzte Wort. Röttgens Wahl ist allerdings sicher, denn Laschet tritt nicht mehr an.

Die Ehefrauen der beiden Kontrahenten begleiteten ihre Männer am Sonntagabend in die Düsseldorfer Parteizentrale. Röttgens Ehefrau Ebba hat keine Angst, dass sie und ihre drei Kinder den aufstrebenden Karrieremann künftig gar nicht mehr zu Hause sehen. "Ich finde das großartig. Er ist ein Familienmensch und wird das Maß finden."(dpa)