Von Katie Kahle und Hanns-Jochen Kaffsack

Er ist bei vielen als absolut reformunwilliger Konservativer verschrien, aber offensichtlich doch für faustdicke Überraschungen noch gut: Papst Benedikt XVI. rückt von dem strengen Kondom-Verbot des Vatikans ab und öffnet seine katholische Kirche damit einen Spalt weit dem 21. Jahrhundert. Lange schon war weltweit darauf gewartet worden – vor allem wegen der Immunschwächekrankheit Aids und der verheerenden Folgen ungeschützten Geschlechtsverkehrs, aber auch angesichts der riesigen Kluft zwischen Kirche und Realität.

Die Zeit des absoluten Neins zu den Präservativen ist auch für Joseph Ratzinger vorbei: "Es mag begründete Einzelfälle geben, etwa wenn ein Prostituierter ein Kondom verwendet, wo dies ein erster Schritt zur Moralisierung sein kann, ein erstes Stück Verantwortung", so argumentiert er im Gespräch mit dem Publizisten Peter Seewald. Weil dessen Buch erst am Mittwoch erscheint, sind es Auszüge daraus, die Furore machen.

Ob Kondom oder Pille, die Sexualmoral der Kirche hatte immer viel Widerspruch oder Spott auf sich gezogen, und ihr Plädoyer für Sex allein zur Fortpflanzung schien doch Lichtjahre von der Wirklichkeit heute entfernt zu sein.

Die Passage zur Prostitution könnte mehr als explosiv sein, auch weil sich Benedikt hier ganz offen auf männliche Prostituierte und damit auf ein weiteres Tabu-Thema zu beziehen scheint: Den Homo-Sex, den es nach Ansicht der katholischen Kirche gar nicht geben dürfte.

Als Benedikt im März 2009 seine erste Reise in das von Aids geplagte Afrika antritt, macht das schon weltweit negative Schlagzeilen, was er auf dem Flug sagt: "Man kann das Aids-Problem nicht durch die Verteilung von Präservativen regeln. Ihre Benutzung verschlimmert vielmehr das Problem." Die Brandartikel dagegen waren vor allem im Westen, weniger in Afrika selbst, bereits geschrieben, als er dann in Kameruns Hauptstadt Jaunde landet: "Papst verbietet Kondome." Die Welle der Entrüstung war riesig, so dass Seewald aus triftigem Grund gerade das Thema bei den Gesprächen aufgebracht hat.

Auch Benedikts charismatischer Vorgänger Karol Wojtyla hatte Kondome immer kategorisch abgelehnt. In seinem Apostolischen Schreiben "Consortio Familiaris" über die Aufgaben der katholischen Familie schloss er jedes Mittel als "unlauter" aus, das die Fortpflanzung verhindere.

Im Vatikan hatten sich dann aber schon mehrfach Stimmen erhoben, um das Verbot zu lockern. Doch eine wirkliche Änderung der Linie konnte nur der Papst selbst verkünden oder einleiten. Auch in Sachen Medienstrategie nahm Benedikt in diesem Fall das Ruder wieder in die Hand, nachdem er mit seinen Äußerungen im Flugzeug nach Afrika noch Missverständnissen Tür und Tor geöffnet hatte. Wie seine Wende sich nun in der innerkirchlichen Debatte niederschlägt und was sie moraltheologisch bedeuten könnte, das muss sich noch zeigen. Es gibt jetzt aber einen Reformansatz. (dpa)