Eine Relektüre der akademischen Arbeiten des neuen Präsidenten der Humboldt-Universität, Jan-Hendrik Olbertz, nach einer hitzigen öffentlichen Debatte.

Von Heinz-Elmar Tenorth

Die öffentliche Debatte ist sich einig: Die Humboldt-Universität hat einen Präsidenten gewählt, als Kultusminister angesehen, als Politiker erfahren, der in den letzten 20 Jahren bewiesen hat, dass er Leitungsfunktionen im Bildungsbereich angemessen wahrnehmen kann. Die Vergangenheit des Erziehungswissenschaftlers Jan-Hendrik Olbertz in der DDR erscheint dagegen, mehrheitlich, als ein etwas bedauerlicher Makel, der sich disziplinspezifisch generalisieren und somit vielleicht sogar erklären und entschuldigen lässt, der aber, bestenfalls, gegenüber den politischen Kriterien belanglos wird.

Damit schließt man sich zugleich einer Bewertung der Qualität von Olbertz’ Arbeiten an, die Ilko-Sascha Kowalczuk mit seinem Vortrag an der Berliner FU eingeführt hat. Mehr als eine ideologisch unsägliche und moralisch höchst angreifbare Apologie "kommunistischer Erziehung" der Studierenden sei nicht zu finden, Referenzen auf die politische Doktrin und die Herrschenden ersetzten eine inhaltliche Argumentation, "praktisch jede Seite", so Kowalczuk, könne er "vorlesen", nichts als Doktrin, "das ginge unentwegt so" (Ms. Kowalczuk).

Seit 1991 etwas geübt in der Beurteilung von DDR-Graduierungsschriften, hat mich diese generalisierende Botschaft dann doch irritiert. Denn "praktisch jede Seite" war nach meiner Erfahrung in diesen Arbeiten selbst in der Pädagogik nicht ideologisch durchdrungen. Lesen bildet, und so habe ich, exemplarisch, die Dissertation B studiert, "praktisch jede Seite dieser Arbeit über "Akademisches Ethos und Hochschulpädagogik". Das Ergebnis ist, vorsichtig formuliert und wenn man Kowalczuk im Ohr hat, überraschend. Denn die meisten Seiten sind weitgehend frei von sozialistischer Doktrin, in der Regel dominiert eine disziplinär gebundene, aber meist auch disziplin- und selbstkritische, für interdisziplinäre Fragen offene Argumentation, bis hin zur Auseinandersetzung mit dem Club of Rome, der natürlich nicht nur freundlich behandelt, aber verständig referiert wird.

Vor allem aber: Wer wäre, nach Kowalczuks Verdikt, auf die Idee gekommen, dass ein Zitat aus Platons Menon die Arbeit als Motto eröffnet? Wer hätte erwartet, dass der größte Teil der Arbeit auch Platons Problem gilt, ob – und vor allem wie Moral lehrbar sei? Wer hätte erwartet, dass für die Klärung der Fragen neben lehrreichen historischen Exkursen zur Hodegetik (das ist universitäre Lehre und Praxis der Anleitung zum Studium) über weite Strecken westliche Literatur umsichtig und reflektiert rezipiert wird? Wer hätte gedacht, dass Thomas Kuhns Überlegungen zur Funktion der "scientific community" und Hans Jonas’ "Prinzip Verantwortung" die Diskussion prägen, nicht allein paraphrasierend und dann abwehrend, sondern als systematische Argumente und von Olbertz’ Standpunkt aus abwägend und anerkennend zugleich kritisiert werden? Wer wäre nicht überrascht, wenn das Grundproblem der Moralerziehung in "Wie"-Fragen formuliert wird, als methodisch und pädagogisch, damit auch als Eingeständnis, dass die ideologischen Vorgaben ihr Ziel verfehlt haben? Und wer hätte sich nicht gezwungen, dass die Arbeit am Ende in zwei Empfehlungen mündet, die mit Ideologie so gut wie nichts, nicht einmal in den Literaturreferenzen, aber mit Forschung und der Anknüpfung an eine bessere Tradition sehr viel zu tun haben (und ich kann nachvollziehen, dass Berufungskommissionen Olbertz deshalb nach 1990 auch durchaus für berufbar halten konnten).

Olbertz markiert nämlich als entscheidendes Defizit der Hochschulpädagogik, dass ihr die "fundierte empirische Praxis" fehlt, empfiehlt dann explizit, sich der westdeutschen Hochschulforschung und deren sozialisationstheoretischen Fragen anzuschließen und nennt vor allem den Begriff des "Habitus" als produktives Theoriekonstrukt; Olbert erwähnt auch den Konstanzer Soziologen und Hochschulforscher Tino Bargel und den Bielefelder Pädagogen Ludwig Huber als Personen, von denen man lernen könne; und auch das kann man bis heute mit guten Gründen tun.

Für die Praxis der moralischen Erziehung stehen hier schließlich Sätze, die man fast schon der humboldtschen Tradition zurechnen kann, dass nämlich das "Ethos" der Hochschule primär "aus der gemeinsamen Tätigkeit von Lehrenden und Studierenden erwächst" – und nicht etwa eine Belegstelle bei Hager oder Honecker.

Auch diese Texte und Argumente machen Jan-Hendrik Olbertz nicht zu einem Teil des Widerstands gegen den Sozialismus, vielleicht gab es in der DDR auch Positionen der Hochschulpädagogik, die noch offener für Forschungs-, Theorie- und Methodenprobleme waren, die Sätze zum Thema insgesamt, nicht die erwartbaren politischen Vergewisserungen, aber der ansonsten dominierende argumentative Duktus bestätigen jedenfalls nicht das Generalverdikt des Kritikers Kowalczuk und auch nicht die Zuschreibung als "Dünnbrettbohrer" (Richard Schröder).

Olbertz argumentiert wissenschaftlich, handwerklich seriös, in den Referenzen nicht borniert, sondern offen, themen- und problembezogen, natürlich in seinen normativen Referenzen, aber er liefert keine Ableitungsliteratur, in der die politischen Heroen und ihre Doktrin dass wissenschaftliche Argument ersetzen. Er reflektiert selbst, zu Recht kritisch auch gegen die Pädagogik, und er sichert damit auch sein eigenes Ethos – zu dem es natürlich Alternativen gibt, aber wo gäbe es die nicht in diesem Feld? Insgesamt behauptet er sich in einem wirklich schwierigen Revier, auch besser als zahlreiche pädagogische Graduierungsschriften, die mir sonst begegnet sind.

Für die notwendige Selbstkritik der Universitäten und ihrer wissenschaftlichen Praxis unter Bedingungen der Diktatur scheint es mir angesichts solcher Leseerfahrungen wichtig, tatsächlich über Texte und Argumente in ihrer historischen Qualität zu reden, nicht über Projektionen scheinbar ausweglos SED-beherrschter Personen, Institutionen und Disziplinen. Beschränkt man sich auf das politische und moralische Generalargument und Generalverdikt, dann gibt es jenseits einer Totalverweigerung eine je individuell legitime wissenschaftliche Praxis und die Verantwortung des Wissenschaftlers nämlich auch nicht mehr – und auch keine legitime Kritik, sondern nur noch Systemschelte.

Der Autor ist Bildungshistoriker und lehrt an der Humboldt-Universität Erziehungswissenschaften. Dieser Beitrag ist am 5. August in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" veröffentlicht worden.