Sie ist tausendfach beschrieben worden, Bilder von ihr gehen zum Weihnachtsfest wieder um die Welt: die Geburtskirche von Betlehem. Die Grotte, in der Jesus geboren sein soll, gilt seit den Anfängen der Christenheit als heilig. Veranstalter von Bildungsreisen wissen das zu nutzen und bescheren der Geburtskirche im palästinensischen Betlehem nicht enden wollende Touristenströme aus aller Welt.

Darin reihte sich vor einigen Wochen auch eine kleine kirchliche Gruppe aus dem Kirchspiel Wulkow/Wust (Jerichower Land/Stendal) ein. Vielleicht etwas naiv stürzen wir uns in das Abenteuer Geburtskirche ob der stundenlangen Geduldsprobe, die uns bevorsteht, um uns vom Eingang des weltbekannten Gotteshauses bis zur Geburtsgrotte mit dem silbernen Stern vorzuarbeiten.

"Wir haben Glück, heute ist nicht all zuviel los", meint dabei die Reiseleiterin, nachdem wir die einer Festung gleichenden Kirche durch das kleine "Tor der Demut" betreten hatten. Die sollten wir auch in den folgenden drei Stunden brauchen. Zeit, uns die Geburtsbasilika nach unserem Betreten anzusehen, bleibt nicht, wir brauchen schließlich einen guten Platz in der langen Schlange, die in einem der Seitenschiffe direkt zur Geburtsgrotte führt. Die Reiseleiterin, eine palästinensische Christin, die in Köln Biologie studiert hat, beherrscht die Kunst, uns trotzdem bei Laune zu halten.

Noch. Auf Tuchfühlung mit nachfolgenden Gruppen erhalten wir Einblick in die Historie der Geburtskirche, die sich heute im Gemeinschaftsbesitz der griechisch-orthodoxen, lateinischen und der armenischen Kirche befindet. Wer in der Schlange steht, darf nun nicht mehr weichen. Und so müssen aus unseren Reihen kleine Gruppen zu fünft gebildet werden, um Reste des ursprünglichen Mosaikparketts aus den Zeiten der Kaiserin Helena, die die älteste Kirche über die Stätte in der ersten Hälfte des vierten Jahrhunderts bauen ließ, durch Falltüren im Fußboden sehen zu können.

Die Geschichte ist nun durchgeackert, Fragen gibt es nicht - und noch ist der Eingang zur Grotte etliche Meter entfernt. Hinter uns wird eine englisch-sprachige Gruppe unruhig. Ihr Reiseleiter gibt seiner Gruppe unentwegt Tipps, wie man sich an uns vorbeimogeln kann.

Der Reiseleiter einer Gruppe aus Nordrhein-Westfalen mimt auf den Stufen, die zum Altar führen, den gutgelaunten Unterhalter: Er testet mit vielen Fragen die älteren Herrschaften, die sich mittlerweile mit kühlen mitgebrachten Getränken in Form halten, auf ihre Bibelfestigkeit.

Irgendwann - nach knapp drei Stunden - ist es geschafft, der Eingang zur Geburtsgrotte ist nahe. Viele kramen in den Taschen, um im richtigen Moment den Fotoapparat parat zu haben. Zwei junge Männer sitzen an einem Tisch, um Postkarten zu verkaufen. Trotzdem mahnen sie "Silence" (Ruhe). Vergebens, nach drei Stunden drängt es jeden nur noch ins Heiligtum, das über eine große beschwerliche Steintreppe zu betreten ist. Es saugt wie ein Trichter die unruhigen Menschenmassen auf.

Stickig ist es hier unten und beängstigend eng, der weihrauchgeschwängerte dunkle Raum ist durch viele Kerzen erleuchtet. Nun muss ich ihn unbedingt sehen, jenen silbernen Stern, wo Jesus der Überlieferung nach geboren wurde. Doch für die palästinensische Aufsicht bin ich ein Niemand, den man leicht abdrängen kann. Eine Russin, die sich ein kleines Kind vor die Brust gebunden hat, liegt betend in ekstatischer Gläubigkeit auf dem Stern. Ehe ich überhaupt versuchen kann, den Stern zu erspähen, zieht mich die Aufsicht mehr als unsanft zur Seite.

Ich komme ins Stolpern, kann mich gerade noch fangen. Aber das interessiert niemanden, hier will jeder ein Stück von der Heiligkeit des Ortes ergattern. Und ich verstehe die Welt nicht mehr, als sich plötzlich Leute in der Geburtsgrotte aufhalten, die ich vorher in der Schlange nicht gesehen habe. Wie sich später herausstellen sollte, kann die Aufsicht vier Personen von einem anderen Eingang Zutritt verschaffen. Mein Respekt vor der Heiligen Stätte ist nach alledem angekratzt.

Unsere Reisegruppe trifft sich schließlich wieder oben in der Kirche. Alle sind geschafft. "Nur gut, dass für uns das Christkind überall auf der Welt geboren ist", kann ein Mitglied unserer Gruppe ein versöhnendes Ende dieser Begegnung finden.