Ohne Aussicht auf einen Job und ohne Deutsch-Kenntnisse ist Katerina Diamantakou Anfang 2011 nach München gekommen. Nach drastischen Lohnkürzungen stand ihr Arbeitsverhältnis in Athen auf der Kippe. "Die Zukunft war schlecht", sagt die Betriebswirtin und entschied sich, "wegen der starken Wirtschaft" nach Deutschland zu gehen. Freunde oder Verwandte hatte die 30-Jährige dort nicht. Schon nach drei Wochen fand sie aber eine Beschäftigung bei einer großen Versicherung. Wie Diamantakou zieht es Tausende Griechen in der Schuldenkrise nach Deutschland. Darunter sind besonders viele Frauen im Alter zwischen 30 und 35 Jahren. Überdurchschnittlich hoch war das Plus auch bei den von der Krise gebeutelten Spaniern, Italienern und Portugiesen.

Professor Herbert Brücker vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg sagt: "Angesichts der Krise ist das eine sehr geringe Zuwanderung." Die Wanderungszahlen seien viel zu niedrig, um eine Wirkung auf den Arbeitsmarkt in den Ländern Südeuropas oder gar in Deutschland zu haben. Für die Griechen sei Deutschland das wichtigste Zielland in der EU; rund vier Prozent der griechischen Bevölkerung lebten in der Bundesrepublik. Auf dem Arbeitsmarkt seien die Griechen besonders gut integriert.

Volkswirt Brücker geht davon aus, dass der Wanderungssaldo in Deutschland - also Zuwanderer minus Auswanderer aller Nationalitäten - Ende 2011 insgesamt bei deutlich über 200000 liegen wird. Dies sei ein historischer Durchschnittswert und gut für die Volkswirtschaft.

Zwar könne das demografische Problem in Deutschland auch mit einer Massenzuwanderung nicht gelöst werden, sagt der Präsident des Münchener ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, Hans-Werner Sinn. "Deutschland braucht aber angesichts der demografischen Entwicklung die Immigration von Arbeitskräften statt Sozialhilfebeziehern."

"Vor der Schuldenkrise hatten wir ja eine Netto-Auswanderung. Jetzt kommen die Menschen wieder, weil wir eine fantastische Entwicklung des Arbeitsmarkts haben, auch trotz der sich anbahnenden Flaute." Neben Südeuropa beschert auch Osteuropa Deutschland ein Plus an Zuwanderern. "Durch die Freizügigkeit seit Mai verlagert sich das Wanderungsmuster aus Osteuropa dahin, dass wir auch mehr Arbeitnehmer bekommen, und die brauchen wir", betont Sinn. Brücker rechnet zum Jahresende mit einem Wanderungssaldo von 50000 bis 60000 Menschen aus diesen Ländern. Mit der späten Grenzöffnung habe Deutschland ein "großes und hoch qualifiziertes Wanderungspotenzial verschenkt".

Die Einwanderer aus Osteuropa sind nach Einschätzung von Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) meist Leute mit mittleren und guten Qualifikationen, beispielsweise Handwerker. Da sich die Steigerung der Löhne für gut Qualifizierte in den vergangenen Jahren in Deutschland in Grenzen gehalten habe, werde sich auch die Zuwanderung der Arbeitskräfte in Grenzen halten. (dpa)