Ägypten ist wieder da gelandet, wo es sich unter Husni Mubarak jahrezehntelang befand - im Notstand. Die massakerartige Gewaltorgie im Land mit Hunderten Toten und mehr als Tausend Verletzten hat Übergangspräsident Adli Mansur wohl auch keine andere Wahl als den Griff zu dieser Zwangsmaßnahme gelassen. Es ist das letzte Mittel, Ägypten vor dem kompletten Abgleiten in einen Bürgerkrieg zu bewahren.

Der frische, demokratische Wind, der mit dem Arabischen Frühling durch Nordafrika wehte, ist endgültig vom brandigen Orkan nachfolgender Machtkämpfe weggefegt worden. Tunesien, das Land des Frühlingserwachens in Arabien, ist gleichfalls instabil. Täglich wird gegen die islamistische Regierungspartei Ennahda protestiert, nachdem der Oppositionspolitiker Mohamed Brahmi am 25. Juli getötet worden war.

Doch wie es in Arabien weitergeht, entscheidet sich nicht im kleinen Tunesien mit seinen gut zehn Millionen Einwohner. Die zentrale strategische und wirtschaftliche Macht in diesem Raum ist Ägypten. Am Nil leben 85 Millionen Menschen, der Suez-Kanal steht unter ägyptischer Hoheit, das Land grenzt an Israel.

Schon als sich bei den Tahrir-Demonstrationen in Kairo Anfang 2011 der Niedergang des Mubarak-Regimes abzeichnete, mischten sich in die Aufbruchstimmung ernstzunehmende Bedenken über den künftigen Weg Ägyptens nach den Jahren der Diktatur.

Die bange Frage lautete: Werden die Islamisten in Gestalt der Muslimbruderschaft die Macht an sich reißen? Sie taten es nicht, doch spielten sie ihre Stärke als verschworene Gemeinschaft aus und kamen bei den Wahlen auf legale Weise an die Präsidentschaft. Einer der Hauptgründe für den Durchmarsch der Muslimbrüder war die Uneinigkeit der Opposition, die bis heute heillos zerstritten ist.

Ägypten bleibt insgesamt ein gespaltenes Land. Ausein- anderdividiert in Stadt- und Landbevölkerung, in Christen und Muslime, die wiederum in fanatische und moderate Gruppen und Organisationen zerfallen.

Als Ordnungsfaktoren fungieren einzig Armee und Polizei. Wobei besonders die Polizisten als willfähriges Werkzeug der Mubarak-Herrschaft bekannt sind. Das steigert den Fanatismus der Muslimbrüder, die sich schon wieder unterdrückt und gemaßgeregelt wie ehedem fühlen. Das stachelt den Widerstand zusätzlich an.

Ihr blutig bekämpfter Protest gilt der Absetzung des gewählten Präsidenten Mohammed Mursi. Das bringt auch den Westen in die Bedrouille: Auch wenn es ungeliebte Islamisten sind, die in Ägypten demonstrieren, so ist ihr Ziel doch demokratisch legitimiert. Mursi wurde schließlich schlicht vom ägyptischen Militär weggeputscht.

Deshalb gilt die Besorgnis von den USA bis zur EU dem Schicksal des gewählten Präsidenten. Für die rechtmäßige Neubesetzung der Spitzenämter im Staat werden demokratische Wahlen vorausgesetzt. Ob es aber zu einem regulären Urnengang kommt, ist nach den Exzessen fraglich. Für heute haben die Muslimbrüder wieder Proteste angekündigt. Es könnte erneut Blut fließen.

Geriete Ägypten vollends außer Kontrolle, wäre das verheerend für die arabische Welt. Mehr noch: Das fragile Gleichgewicht im Nahen Osten geriete in Gefahr. Die Sorge über Ägypten schwingt mit, wenn Israelis und Palästinenser neuerdings wieder am Verhandlungstisch sitzen. Ein brennender Sinai wäre auch das Ende dieses Dialoges.