Die schlechte Obsternte hat zum Teil dramatische Auswirkungen auf die Mostereien im Land. Sie haben deutlich weniger Aufträge. Kurzarbeit und Entlassungen sind möglicherweise die Folge in den oftmals kleinen Betrieben.

Magdeburg (dpa). Die Keltereien im Land sehen nach der schlechten Obsternte schwierigen Zeiten entgegen. "Die Lage ist dramatisch", sagte Andreas Mehlhorn, Vorsitzender des Fruchtsaftverbandes Sachsen, der rund 40 Betriebe aus ganz Ostdeutschland vertritt, darunter auch Mostereien aus Sachsen-Anhalt. "In diesem Jahr haben Kleingärtner und die Pflücker auf den Streuobstwiesen 75 bis 90 Prozent weniger Obst geerntet, das hat natürlich Auswirkungen auf die Mostereien", sagte Mehlhorn.

Auch auf den Plantagen wurde so wenig wie seit langem nicht mehr geerntet. Nach ersten Schätzungen des Statistischen Landesamtes in Halle wurden zum Beispiel 21 600 Tonnen Äpfel gepflückt. Im Vorjahr waren es 31 160 Tonnen. Auch bei den Sauerkirschen war die Ernte schlecht. Sie lag mit 1000 Tonnen bei nur drei Viertel des Vorjahres.

"Ohne Kurzarbeit und Entlassungen werden die Betriebe, die oftmals kleine Familienunternehmen mit bis zu zehn Beschäftigten sind, nicht über die Runden kommen", sagte Mehlhorn. Bei ihnen mache das Obstpressen in der Regel zwei Drittel des Umsatzes aus. "Manche betreiben noch eine kleine Gastwirtschaft oder ein Geschäft dazu, aber die können die Verluste im Haupterwerb nicht ausgleichen", sagt Mehlhorn.

Besonders groß sind die Einbußen bei Äpfeln. "Normalerweise verarbeiten wir pro Jahr 1000 Tonnen Äpfel, in diesem sind es 100 Tonnen", sagt Silke Natho, kaufmännische Leiterin der Mosterei Natho in Welsleben (Salzlandkreis). Selbst langjährige Mitarbeiter des traditionsreichen Familienunternehmens hätten einen solchen Ernteeinbruch noch nicht erlebt. "Das hat es seit mindestens 40 bis 45 Jahren nicht gegeben", bestätigt eine Sprecherin der Jaro GmbH in Janisroda (Burgenlandkreis), wo die Apfelernte um 80 Prozent eingesackt ist.

"Grund für die Missernte ist der lange Winter und das kurze Frühjahr mit wenig Bienenflug", sagt Mehlhorn. Dann habe es zu viel geregnet. Punktuell habe es schon in den vergangenen Jahren Ernteausfälle gegeben, aber so flächendeckend noch nie. Dabei hätten die Mostereien in den zurückliegenden Jahren ganz gut im Saft gestanden. "Immer mehr Leute wollen wissen, was in den Lebensmitteln enthalten ist und setzen auf natürliche Kost aus Gärten und Streuobstwiesen."

Auch große Mostereien müssen Defizite hinnehmen. "Normalerweise verarbeiten wir 60 000 Tonnen Obst pro Jahr, in diesem sind es nur 35 000 Tonnen", sagt der Betriebsleiter der Beckers Bester GmbH in Eisleben, Ulrich Günther. Die Ausfälle in der Region könnten auch durch Zukäufe aus dem Ausland nicht kompensiert werden, da auch dort die Ernte nicht gut war. Entlassen werden müsse jedoch niemand. Ein Teil der 45 Mitarbeiter werde im Frühjahr in einer Genossenschaft beim Obstschnitt helfen.

Wegen der schlechten Birnenernte wird die Mosterei Natho in diesem Jahr nicht mit ihrem traditionellen Birnenglühwein auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt präsent sein. "Dafür gibt es zum Beispiel Kirschglühwein", sagte Silke Natho.

Mit insgesamt sieben Sorten wird sich das Unternehmen, das zehn Mitarbeiter hat, in der Landeshauptstadt präsentieren. Um Entlassungen machen sich die Welslebener keine Gedanken, denn ein Mitarbeiter tritt ohnehin seinen Dienst bei der Bundeswehr an.