Am Freitagabend ist auf Gut Zichtau die Ausstellung "Alltagsmenschen" eröffnet worden. Verteilt im Park werden Figuren der Künstlerin Christel Lechner aus Witten an der Ruhr gezeigt, die damit erstmals in den neuen Bundesländern ausstellt.

Zichtau l Auf der Treppe des historischen Pavillons steht ein Fotograf, hat die wiedergeschaffene Sichtachse des Parks in den Fokus genommen. In Sichtweite zu ihm blickt ein Mann im dunkelroten Pul-lunder mit einem Fernglas in den Himmel, schaut vielleicht vorbeiziehenden Vögeln hinterher. Oberhalb des Wasserfalls macht sich eine Dame im blauen Badeanzug und mit Badekappe fertig zum Sprung. "Das ist die Klippenspringerin der Altmark", verriet Magnus Staehler, was er in der Figur erkennt. Denn Namen haben sie von der Künstlerin Christel Lechner nicht bekommen. Sie selbst war am Freitag verhindert und konnte nicht zur Ausstellungseröffnung nach Zichtau kommen. Darum übernahm es Magnus Staehler, Projektleiter für das Zichtauer Gut, die zahlreichen Gäste zu den zwölf lebensgroßen Figuren zu führen, die noch bis zum 6. Oktober auf dem Gut zu sehen sind. Eine steht im Kräutergarten, eine andere sitzt auf einer Bank, die nächste blickt vom Gutshof zu der Stelle, wo einst das Herrenhaus stand und bald ein Hotel stehen soll. Für Heiterkeit sorgt ein Quartett in Badekleidung, das sich nahe der Beke duscht.

"Alltagsmenschen" nennt Christel Lechner ihre Skulpturen und ihre Ausstellung, denn sie zeigt Menschen wie du und ich. "Seien Sie erstaunt, wie nah oder fern Ihnen oder Ihren Freunden diese Alltagsmenschen sind", sagte Magnus Staehler und lud ein, "in den kommenden Wochen verblüfft zu sein". Und er wiederholte, dass im Zichtauer Park das Betreten des Rasens ausdrücklich erlaubt ist. Denn so können die Besucher richtig nah an die Alltagsmenschen treten, sie anfassen, sich zum Verweilen zu ihnen gesellen - und natürlich Spaß an und mit den Figuren zu haben. Denn die Künstlerin gibt dem Betrachter zwei Leitsätze mit auf den Weg: "Man sollte sich nicht so ernst nehmen" und "Schwächen können auch schön sein".

Christel Lechner, 1947 in Iserlohn geboren, lebt und arbeitet heute als Töpfermeisterin, Bildhauerin und Installationskünstlerin in ihrer eigenen Großwerkstatt Lechnerhof in Witten-Vormholz an der Ruhr. Mit ihrer Inszenierung im öffentlichen Raum in Zichtau zeigt sie ihre Arbeiten erstmals in Ostdeutschland. Die Künstlerin stellt ihre Arbeiten weniger in Museen oder Galerien aus, sondern gern dort, wo Menschen ihren Alltag erleben - so wie im Zichtauer Park. Nach der Vivarelli-Ausstellung im Juni dieses Jahres sind die "Alltagsmenschen" die zweite Kunstausstellung auf dem Gut.

Die Figuren sind zwischen 1,70 und 2,50 Meter groß. Der Entwurf wird erst in Kunststoff umgesetzt und dann mit Beton beschichtet. Vom Entwurf bis zur Fertigstellung können so schon einmal zwei Monate vergehen. Entworfen hat Christel Lechner die Figuren nach dem Vorbild realer Menschen. Dadurch trifft der Besucher beim Rundgang auf Figuren, die ihm oft alltäglich so oder ähnlich begegnen. Die Männer und Frauen zeichnen sich meist durch eine üppige Leibesfülle aus, wodurch sie nicht dem heutigen Schönheitsideal entsprechen. Es sind aber Alltagsmenschen, und der alltägliche Mensch im Alltag ist eben nicht perfekt - das ist eine der Botschaften der Künstlerin. Doch genau diese vermeintlich fehlende Perfektion verleiht den Lechnerschen Figuren eine besondere Ausstrahlung.

   

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