Wie weit, wo entlang, wie schnell, wie hoch wird das Wasser kommen? Um diese Fragen drehte sich gestern alles in Jerichow und den umliegenden Orten. Der Deichbruch bei Fischbeck in der Nacht zuvor machte dann auch Evakuierungen in der Einheitsgemeinde notwendig. Steinitz war das erste betroffene Dorf.

Jerichow l Soll evakuiert werden oder nicht? Am frühen Vormittag war das immer noch offen. Während der Krisenstab vor Ort bereits überzeugt war, dass es nicht anders geht, sah man beim Kat-Stab im Landkreis zunächst noch keine Notwendigkeit. Denn auf Luftbildern war nicht zu erkennen, dass sich das Wasser bereits direkt auf Steinitz zubewegt.

Luftbilder zeigen aber nicht alles. Wasser, dass durch ein Kornfeld läuft, ist nicht zu sehen, auch wenn es schon kniehoch steht. Thomas Pansch, Fachberater vom Landkreis, hat genau diese Situation vor Ort auch erkannt. Und so gab es dann auch grünes Licht - keine Minute zu früh. Unterstützt von der Feuerwehr Bremen und Beamten der Polizei fuhren Mitarbeiter der Stadt nach Steinitz und nicht lange danach auch nach Mangelsdorf und Kleinmangelsdorf.

Noch war die Evakuierung freiwillig. Wer unbedingt bleiben wollte, konnte das auch - mit allen Konsequenzen. Denn Stromabschaltungen drohten, auch die Abwasserentsorgung war teilweise nicht mehr gewährleistet.

Im Laufe des Tages wurde dann aber deutlich, wie ernst es werden würde: Das etwa 35 Einwohner zählende Dorf Steinitz war gegen Abend nahezu komplett verlassen. Nur ein Landwirt, der noch Bullen im Stall hatte, die nicht verladen werden konnten, war geblieben. "Nachmittags wurden noch von zwei Höfen etwa 240 Rinder abgetrieben", berichtete Ralf Demann vom Krisenstab der Stadtverwaltung.

Inzwischen war der Ort selbst zwar noch trocken, aber komplett vom Wasser umschlossen und mit Pkw nicht mehr erreichbar.

Bereits parallel zum Beginn der Evakuierung war mit vielen Helfern begonnen worden, einen Sandsackdamm hinter Jerichow zu errichten, der das Eindringen von Wasser in den Steinitzer Weg und die Leninstraße verhindern sollte. Mehrere Feuerwehren der Einheitsgemeinde waren dabei im Einsatz - Altenklitsche, Roßdorf, Brettin, Karow, Neuenklitsche - und viele freiwillige Helfer.

Das Wasser kam dann aber ganz massiv aus dem Norden auf die Bereiche Neuer Weg und Domäne zu. "Wir wollen versuchen, das Wasser aus dem Kolk mit einer großen Pumpe abzupumpen", kündigte gegen 19.30 Uhr Ralf Demann an. Wie es zu schaffen sei, diese ganze Seite von Jerichow mit Sandsackdämmen zu schützen, wusste er bis dahin auch noch nicht.

Für die evakuierten Bürger, die keine Möglichkeit hatten, bei Verwandten oder Freunden in sicheren Bereichen unterzukommen, wurde die Grundschule Jerichow als Unterkunft eingerichtet. Der Unterricht fällt deshalb bis auf weiteres aus. Ein Hilfsangebot gab es auch vom AWO Fachkrankenhaus: "Wir haben so viele Patienten wie möglich entlassen und Häuser freigeräumt, um bei Bedarf Evakuierte unterbringen zu können", erklärte Volker Raudszus, stellvertretender Pflegedienstleiter und zuständig für Öffentlichkeitsarbeit. Denn das Gelände des Krankenhauses ist vergleichsweise hoch und deshalb kaum gefährdet, vom Wasser überströmt zu werden.

In Jerichow vor Ort waren nachmittags auch vier Angehörige der DLRG-Ortsgruppe Genthin, die bei Bedarf innerhalb von einer halben Stunde ein Boot organisieren konnten. Auch die Feuerwehr Bremen hatte Boote dabei.

"Bauernmarkt zur Rosenblüte" in Klietznick fällt aus

Aufgrund der kritischen Lage war bereits am Sonntag die Entscheidung getroffen worden, dass der für den kommenden Sonntag geplante "Bauernmarkt zur Rosenblüte" in Klietznick ersatzlos gestrichen wird. "Wir sind alle fix und fertig", begründete Andreas Dertz, Ortsbürgermeister von Jerichow und stellvertretender Vorsitzender des Verschönerungsvereins Klietznick, die Entscheidung. Selbst wenn sich die Situation bis dahin entspannt hätte - genießen könnte die Veranstaltung niemand. "Nächstes Jahr gibt es wieder einen Bauernmarkt", ist Andreas Dertz zuversichtlich.

   

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