Halberstadt (eso) l In der heutigen Folge wird ein Blick in die Ausgaben der "Halberstädter Zeitung und Intelligenzblatt" vom 27. Dezember 1911 bis 1. Januar 1912 geworfen.

Die Eisbahnpächter machen recht betrübte Gesichter, denn wie zum Weihnachtsfest ist wohl auch in der nächsten Woche an Frost kaum zu denken. Das ist sehr schlimm für sie, denn wenn wir zu Neujahr und somit in der Ferienwoche eine Eisbahn hätten, so würden sich viele darauf tummeln und die Pachtsumme käme vielleicht auf mehr als das Doppelte heraus. Damit wird es wohl nun aber nichts, und es ist nur ein kleiner Trost für die Pächter, daß ihnen, wenn sie irgendwo fest abgeschlossen haben, die Hälfte der Pachtsumme erlassen wird. Indessen sollen die Eisbahnpächter nicht allen Mut sinken lassen, denn im vergangenen Jahr hatten wir nach recht warmen Tagen am 29. Dezember in der Nacht fünf Grad Kälte, so daß wenigstens die künstliche Eisbahn oder die "gegossene", wie sie der Volksmund nennt, benutzt werden konnte. Lange hat aber die Freude auch im vorigen Jahr nicht gedauert.

Die zwölf Nächte

Es ist jetzt die Zeit der zwölf Nächte oder der Zwölften. Sie gehen vom Heiligen Abend bis zum Dreikönigstage, also sinds ihrer eigentlich dreizehn. Die zwölf erklärt sich aus volkstümlich runder Zahl, wie wir auch sagen, "alle acht Tage", während es sich genauer um sieben handelt. Es soll mit einem Wort auf die kommenden zwölf Monate Bezug genommen werden. Die Zahl der Eigenschaften, die der Volksmund den zwölf Nächten beilegt, ist eine kleine Heiligkeit und Geheimnisreichtum zeichnen sie aus. Der Witterungsverlauf für das kommende Jahr soll sich nach der Witterung in den zwölf Nächten richten. Träume zur Zeit der zwölf Nächte sind äußerst bedeutungsvoll und gehen meistens in Erfüllung. Wer einen Blick in die Zukunft richten will, tut es in der Zeit der zwölf Nächte. Bleigießen, Eiweißgerinnen muß, soll es irgend eine Bedeutung für das kommende Jahr haben, in die Zeit der zwölf Nächte verlegt werden. Will ein Mädchen ihren Zukünftigen erschauen, so hat sie in einer der zwölf Nächte um zwölf Uhr mitternachts in den Spiegel, in ein mit Wasser gefülltes Faß oder in einen Tümpel zu schauen. Bei unseren heidnischen Vorfahren galten die zwölf Nächte als eine hohe, heilige Freudenzeit. Die Götter ruhten da von ihrem Tun und begaben sich auf Erholungsreisen. Kamen sie dabei mit Menschen in Berührung, so waren sie leutselig und freigebig. Die Verkünder des Christentums wollten von solch heidnischem Glauben abschrecken und erfüllten darum die zwölf Nächte mit dämonischem Spuk- und grausigem Furchtgefühl. Wotan mit Sturmhut und Wettermantel saust grollend durch die Lüfte. Die unholde Berchta und ein großes, wildes Heer begleiten ihn. Wehe, wer sich nachts vor seinem Hause oder aber im Walde aufhält! Wehe den Mädchen, die das Spinnrad drehen! Wehe allen, die gerade bei einer Feldarbeit sind! Es wird ihnen alles verdorben, und man ist des Lebens nicht sicher. In der Zeit der zwölf Nächte durfte nicht gewaschen oder getrocknet, nicht gebacken oder gesponnen werden. Es war also eine Zeit friedlicher Ruhe, als die sie auch heute noch vielfach angesehen wird. Leider hat unsere Zeit mit ihrer Unrast nur noch wenig Sinn und Verständnis für das Empfinden der Volksseele.

Zum Jahresende

- Ueber Kündigungen. Der Monat Dezember und damit das Kalendervierteljahr gehen ihrem Ende entgegen, weshalb die Mieter und Vermieter, die einen Mietsvertrag bis zum 1. April 1912 abgeschlossen haben, an die rechtzeitige Lösung ihres Mietsverhältnisses erinnert werden. Die gesetzliche Kündigungsfrist tritt dann in Kraft, wenn in den Mietverträgen eine Kündigungsschrift nicht vereinbart ist; sofern eine Jahresmiete festgesetzt ist und die Beträge monatlich gezahlt werden, kann bis zum 3. Werktage des ersten Monats des folgenden Kalendervierteljahres die Kündigung erfolgen (3. Januar 1912), und bei Festsetzung von monatigen Mieten spätestens am 15. des Monats und nur zum Schluß des Kalendermonats. In der Reichshauptstadt und in den Vororten ist gewöhnlich in den Mietverträgen bei mittleren und kleineren Wohnungen eine Kündigungsfrist von drei Monaten drei Tagen ausgemacht; die Kündigung muß in der im Vertrage vorgeschriebenen Form, in den meisten Fällen durch einen eingeschriebenen Brief erfolgen.

- Krankheit als Geschäft. Am ersten Feiertag, mittags 1 Uhr, lenkte ein etwa 21-jähriger Mann am Breitewege die Aufmerksamkeit der Passanten auf sich, weil er große Schwächezustände bekundete und nicht gehen und stehen konnte. Einem Polizeisergeanten gegenüber stellte er sich ebenfalls krank und hilfsbedürftig, so daß dann barmherzige Menschen den Kranken mit einigen Geldstücken unterstützten, die er unter Dank entgegennahm und darauf seinen Weg fortsetzte. Ein paar Stunden später befand sich an der Magdeburgerstraße wiederum ein Mann, der in derselben jämmerlichen Verfassung um Unterstützung bat. Als ein Polizeibeamter hinzukam, erkannte er den "Kranken" vom Breitenwege wieder, nur trug der Kranke jetzt andere Kleidung. Es handelte sich offenbar um einen Simulanten, der seine Rolle so geschickt spielte, um aus der Mildtätigkeit anderer Nutzen zu ziehen. Beim ersten Male hat er 2 M eingenommen, dagegen wurde er beim Zweiten Auftritt ins Polizeigefängnis gebracht.

- In der städtischen Badeanstalt wurden in der Woche vom Montag, den 18. bis einschl. Sonntag, den 24. Dezember verabreicht: 1794 Schwimmbäder, 466 Wannenbäder, 75 russ.-röm. Bäder, 12 elektrische Lichtbäder, 9343 Brausebäder, zusammen 3290 Bäder.

- Ein billiger Festbraten. Ein Anwohner der Wilhelmstraße hatte am Hause zwei Hasen, zwei Hasenfelle und eine Gans aufgehängt, um sie dadurch, wie üblich, zu einem verbesserten Geschmack vorzubereiten. Von der Plantage aus hatten das aber Gauner beobachtet und Appetit zu einem Festbraten bekommen. Am Sonnabend abend stahlen sie rechtzeitig die beiden Hasen und ließen auch die beiden Hasenfelle mitgehen. Die Gans haben die Diebe zurückgelassen, weil sie sie wahrscheinlich nicht gefunden haben. Die Feinschmecker haben sich, um zu der Beute zu gelangen, einer Leiter vom Lehrerseminar bedient.