Haldensleben l Wer seinen 100. Geburtstag feiern kann, der hat es eigentlich absolut verdient, im Mittelpunkt zu stehen. Nicht so Katharina Fogl. Selbst an ihrem Ehrentag ist der Jubilarin wichtig, dass es ihren Gästen an nichts mangelt. Kuchen oder belegte Brötchen möchte sie nicht, auch den Sekt, den ihr die Enkeltochter anbietet, lehnt sie ab. "Ich schaue lieber zu, dass jeder trinkt", sagt die zierliche 100-Jährige. "Und die jungen Leute sollen essen", lässt sie den Teller am Tisch kreisen.

Dabei hat das Geburtstagskind selbst ein entbehrungsreiches Leben hinter sich. Geboren ist Katharina Fogl in Deronje in Jugoslawien. Dort half sie in ihrer Jugend bei den Eltern aus. "Die Familie hat Wein, Melonen und Hanf angebaut. Auch eine Gastwirtschaft und eine Brausefabrik gehörten zum Familienbesitz", weiß Silke Käsdorf durch die Erzählungen ihrer Oma. Bei der Arbeit in den heimischen Unternehmen trifft Katharina Fogl ihren späteren Ehemann Jakob. Beide heiraten, da ist die Braut gerade 18 Jahre alt. Eine Tochter komplettiert das Glück der jungen Familie.

Doch die Fogls müssen fliehen. Zusammen mit ihrer Tochter, den Eltern von Katharina, ihren beiden jüngeren Schwestern und der Oma geht es über Ungarn und Österreich nach Deutschland. "Die Oma hat die Flucht nicht überlebt, die Familie musste sie in Budapest beerdigen", erzählt Silke Käsdorf aus der Familiengeschichte. Als in Dresden die Bomben fielen, sei der Familien-Fluchttrupp gut 20 Kilometer vor der Stadt gewesen. "Unsere Oma hat erzählt, dass sie den Lichtschein sehen konnten."

Aus den Berichten der jetzt 100-Jährigen wissen die Nachkommen auch, dass Katharina Fogl für die Flucht fast das gesamte Hab und Gut der Familie auf den Pferdewagen gepackt hatte. "Sie half denen, die fast nichts mithatten, dann zum Beispiel mit Töpfen aus." Erste Station in Deutschland war Calvörde, später ging es nach Zobbenitz. Katharina Fogl arbeitete in der Landwirtschaft. Nach dem Tod des Ehemannes zieht sie mit der Tochter, die mittlerweile auch verstorben ist, in eine Wohnung nach Haldensleben. Ab Januar 1994 wohnt die Jubilarin alleine auf dem Süplinger Berg. Seit zwei Jahren nun ist Katharina Fogl im Seniorenheim am Lerchenweg zuhause. Dort bekommt sie regelmäßig Besuch von der Familie, zu der neben drei Enkeln auch fünf Urenkel gehören. Und ihre jüngeren Schwestern. Das "Nesthäkchen", immerhin auch schon 90, lebt in Augsburg. Die mittlere Schwester wohnt, 97-jährig, in Zobbenitz. Das hohe Alter scheint also an den guten Genen zu liegen. Oder am jugoslawischen Rotwein. "Den hat Oma immer gerne getrunken", erzählt die Enkelin. Katharina Fogl schweigt. Und lächelt.