Noch zwei Tage bis zur Premiere des Wuster Sommerschultheaters. Anton Tschechows Drama "Der Kirschgarten" erblüht am Donnerstag um 19.30 Uhr in der Baracke am Sportplatz. Regisseur, Dramaturg, Schauspieler und Helfer hinter den Kulissen ernten dann mit dem Applaus des Publikums die Früchte ihrer Arbeit.

Wust. "Es war, als wenn man nach Hause kommt!" Als Arthur Shettle vor vier Wochen die alte Baracke am Sportplatz betrat, fühlte er sich inmitten der tristen "Bretterbude" sofort heimisch, "viele hundert Stunden habe ich hier verbracht". Neun Jahre sind vergangen, seit er das letzte Mal als Regisseur des Sommerschultheaters ein Stück auf die Bühne gebracht hat. Schon achtmal inszenierte er mit Laien ein ansprechendes Schauspiel. Als Sommerschulleiter Reiner Möckelmann ihn im letzten Herbst fragte, ob er nicht wieder nach Wust kommen wolle, sagte er sofort zu. Wust birgt so viele Erinnerungen für den Amerikaner, der an New Yorker Theatern Regie führt. Hier hat er nicht nur als Sommerschuldozent gearbeitet, sondern auch seine Frau Sheila lieben gelernt und 2005 in der Kirche geheiratet. Söhnchen Piet ist drei Jahre alt und natürlich mit in Wust und wird mit seiner Mama übermorgen im Publikum sitzen und sehen, welche Arbeit der Papa in der letzten Wochen geleistet hat. Hand in Hand mit Dramaturg David Barnett, an der Südküste Englands zu Hause und derzeit als Theaterwissenschaftler in Berlin tätig, zog er die zarten Pflanzen - zwölf Laiendarsteller - im "Kirschgarten" auf.

Die Vorbereitung hatte schon viel eher begonnen: Vor etwa acht Monaten korrespondierten beide das erste Mal miteinander. Dass sie sich bereits von früherer gemeinsamer Arbeit her kannten, erleichterte alles. Denn auch David war schon mehrfach Dozent in Wust und verhalf dem Theater zum Erfolg. Arthur und David holten Techniker Bodo Strecke aus der Nähe von Berlin ins Boot. Auch er ist ein alter Sommerschul-Hase. "Wir kennen die Baracke und die Umstände hier bestens und wissen, was wir erreichen können", so Bodo Strecke, der bei Stimmings untergebracht ist. "Wir kennen uns inzwischen so gut - da braucht man nicht viele Worte." So fiel es dem Team nicht schwer, das Stück via Internet und bei einem Treffen in Berlin gut vorzubereiten. Mitte Juli reisten sie mit einem guten Gefühl nach Wust und konnten sich voll in die Arbeit stürzen. Eines stand schon vorher fest: Der Wuster Enrico Reumann bekommt wieder eine tragende Rolle, auch sein Bruder Arvid steht wie bei fast allen bisherigen Aufführungen auf der Bühne. Erstmals dabei ist Leonie Schüler-Springorum. Auch aus den Sommerschülern haben Arthur Shettle und David Barnett drei junge Leute ausgewählt, die mit ebenfalls talentierten Dozenten aus Amerika und England zu Schauspielern werden. Knapp vier Wochen waren nur Zeit, um ein Stück in vier Akten, 90 Minuten lang ohne Pause, einzustudieren. "Genau das ist die Herausforderung", ist Arthur Shettle schon gespannt auf die Premiere. "In New York habe ich Zeit, Geld und ausgebildete Schauspieler. Das ist hier in Wust ganz anders und macht es so besonders. Wir finden für alles eine Lösung und werden gut unterstützt." David Barnett fügt an, dass es ihr Anliegen ist, dass das Publikum eine Beziehung zu dem Stück aufbaut. "Auch die Zeit des Kirschgartens Anfang des 20. Jahrhunderts ist eine Zeit des Umbruchs, es gibt eine Wende mit Verlierern und Gewinnern. Die Wuster können das sicher gut nachvollziehen."

Und selbst die, die den englisch gesprochenen Teil des Theaters nicht verstehen, sollen durch die Spielweise die Handlung nachvollziehen können. Eines ist für den Regisseur und Dramaturgen klar: "Das hier ist kein Laientheater, auch wenn es ungelernte Schauspielenr sind! Wir haben den Anspruch, etwas Großes auf die Bühne zu bringen. Das ist uns bisher gelungen und wird es sicher auch dieses Mal. Das Publikum wird so manches Mal staunen und sogar zeitweise durch Live-Kameras selbst auf der Bühne zu sehen sein - etliche Fernsehapparate sind dazu in die Kulisse eingebaut. Und auch wenn es sich um ein tragisches Schauspiel handelt, gibt es auch komische Dinge, über die die Zuschauer lachen können. "Sie werden überrascht sein", machen die beiden neugierig.

Der Premiere folgen am Freitag und Sonnabend ebenfalls jeweils ab 19.30 Uhr zwei weitere Aufführungen, zu denen Zuschauer herzlich willkommen sind. Karten gibt es an der Abendkasse.

Im Publikum sitzt dann sicher auch Davids Gastfamilie Zedler - und Kielmanns, bei denen er in den 90er Jahren ein vorübergehendes Zuhause gefunden hatte. Das ältere Ehepaar denkt gern an die Zeit mit dem englischen Gast zurück. Bei einem selbst gebackenen Kuchen wurden vor wenigen Tagen die Erinnerungen an früher aufgefrischt. "Es ist unglaublich: Die Wuster vergessen einen nicht! Wenn ich durchs Dorf gehe, winken die Leute und rufen ,Hallo David!\' Das ist genau das, was die Sommerschule und das Dorf ausmacht."

Arthur und seine Familie haben Quartier bei Reumanns bezogen. So konnte sich Enrico Reumann auch nach der allabendlichen Probe noch spät abends den ein oder anderen Tipp geben lassen. Wie gut Enrico Reumann, sein Bruder Arvid, Leonie, die Sommerschüler Till Knoblauch, Wiebke Lühe und Lea Stephan sowie die Dozenten die Anweisungen von Arthur Shettle und David Barnett umsetzen, ist ab Donnerstagabend zu sehen.