"Wir müssen zur Finanzierung dieser Schule den Himalaya erklimmen." - Damit brachte Stefanie Wischer das wohl größte Problem bei der Vorbereitung der freien Schule in Kamern auf den Punkt. Zur Info-Veranstaltung hatten sich etliche Gäste eingefunden.

Kamern l Eine Cafeteria, ein Mehrzweckraum mit Bühne, Werkraum, zwei Klassenräume und ein Lehrerzimmer sollen in der ersten Bauphase unter anderem im Untergeschoss der einstigen Sekundarschule Kamern entstehen. Geplant sei, dass hier die Grundschüler Einzug halten, erklärten Jördis Wellmann und Stefanie Wischer vom Vorstand des Trägervereins "neugierig".

Zwischen 30 und 40 Schüler seien in der Startphase nötig, damit sich der Betrieb der Schule rechnet. Denn staatliche Zuschüsse sind bei Schulen in freier Trägerschaft in den ersten beiden Jahren nicht zu erwarten. Einzige Ausnahme bilden staatliche Modellschulen, dann würde auch die Finanzierung stehen. Auch hier sei man im Gespräch, doch sei dies "ein hohes Ziel".

Die Finanzierung bildet derzeit den dicksten Brocken, den der Verein stemmen muss. Zwar soll an der Raumstruktur der Schule erst einmal nicht viel geändert werden, doch sind Heizung, Sanitäranlagen und das Abwassersystem in die Jahre gekommen. Einige Firmen hätten bereits ihre Hilfe zugesagt, doch sind nun erst einmal vor allem großzügige Sponsoren gefragt. Auch über Sachspenden wie Werkzeuge und Arbeitsmaterialien ist der Verein froh. Und natürlich auch über Helfer beim Bau.

Eigenbestimmtes, freies und selbständiges Lernen

Das 13000 Quadratmeter große Gelände samt Schulgebäude, Sportplatz und Verkehrsgarten hat der erst im Mai des Vorjahres gegründete Verein inzwischen erworben. Erste Planungen für die drei Etagen liegen vor, unten soll die Grundschule einziehen, oben die Sekundarstufe. Gespräche mit Fördermittelgebern laufen.

Der Antrag auf Baugenehmigung soll noch in diesem Jahr eingereicht werden. Wenn alles gut läuft, könnte bereits zum Ende des nächsten Jahres der Antrag ans Magdeburger Kultusministerium gestellt werden. Das muss in einer gewissen Frist darüber entscheiden.

Begonnen werden soll der Schulbetrieb vorerst mit Grundschülern. Viele Anfragen seien von Eltern schon eingegangen, obwohl sie sich mit einem finanziellen Beitrag in monatlicher Höhe von maximal 150 Euro beteiligen müssen. Auch aus dem Brandenburgischen kamen bereits Anfragen. Etwa 13, 14 Schüler sollen die Klassen stark sein, dem Lehrer wird ein Sonderpädagoge beiseite gestellt.

In der neuen Kamernschen Schule sollen die Lehren der Reformpädagogen Maria Montessori, Célestin Freinet sowie Rebeca und Mauricio Wild angewandt werden. Schwerpunkte sind ein freies, selbständiges und eigenbestimmtes Lernen unter Begleitung der Pädagogen.

Es wird einen hohen Anteil praktischer Tätigkeiten geben, so sind Schulgarten und Schulgehege geplant, zudem eine Kunst- und Kreativ- sowie eine Technologiewerkstatt. Großer Wert wird auf gesunde Ernährung gelegt, dazu wird extra eine Kinderküche eingerichtet, wo selbst gekocht wird. Es wird zudem getöpfert, gefilzt, mit Holz gearbeitet, auch Natur- und Umweltbildung findet statt.

Weil keine Noten vergeben werden, besteht kein Leistungsdruck bei den Schülern. Eine Note sei ohnehin nur ein Konstrukt, erklärte dazu die Professorin Johanna Mierendorff von der Uni Halle-Wittenberg. So sei eine "Eins" in Sachsen-Anhalt anders zu bewerten als in Bayern oder Berlin. Zudem sei diese Bewertung immer subjektiv, Migranten werden dabei oft benachteiligt. Selbstverständlich erhalten Schüler beim Wechsel der Schulform ein Zeugnis, hieß es auf eine Anfrage. Ohnehin muss der Lehrer die Kinder einschätzen, schon um den vorgegebenen Lehrplan einzuhalten. Ansonsten schätzen sich die Schüler über Lerntagebücher selbst ein.

Jeder Klassenraum verfügt nebenan über einen sogenannten Koppelraum, wohin sich ein Schüler auch mal zurückziehen kann. Ein runder Teppich dient als Treffpunkt bei Zusammenkünften der Klasse. Jeder darf lernen, worauf er gerade Lust hat, dennoch muss am Ende der Lehrplan eingehalten werden. Es gibt auch klare Regeln, die von den Kindern selbst erarbeitet werden.

Derzeit wird ein Pädagogenteam zusammengestellt. Gesucht werden noch Fachkräfte, die offen für neue Methoden und Formen sind, vielleicht sogar Erfahrungen in der Reformpädagogik mitbringen. Allerdings können sie an freien Schulen nicht so gut wie an staatlichen Einrichtungen bezahlt werden, schränkte Stefanie Wischer ein.

Doch gab es auch Skeptiker: "Wie sollen diese Kinder sich später in der freien Wirtschaft behaupten?" fragte ein Vater aus Sandau im Gespräch am Rande der Veranstaltung.