Kabelitz (asr) l "Das Dorf ist nicht wiederzuerkennen!" Gerda Lietzow (geborene Krafzig) aus Jessen schwärmt wie alle anderen auch, die sich am Sonnabend nach vielen Jahren in Kabelitz wiedersahen. Ihre Kindheit und Jugend haben sie hier verbracht, nach dem Krieg zumeist aus dem Osten vertrieben hier gestrandet und nach der Schule "ausgeflogen" in ein neues Leben.

Von den Sorgen der Eltern, die sich mühsam in beengten Wohnverhältnissen einrichten mussten, bekamen die Kinder nichts mit, "wir haben eine herrliche Kindheit verbracht. Wir waren nur draußen auf der Straße, haben auf Stroh- und Heumieten getobt, im See gebadet und vor allem viel Ball gespielt", erinnert sich Erika Schubert (Strehlow). Sie ist auf Husum zu Hause, kommt aber immer mal wieder gern vorbei. Sie bekam im Sommer vor drei Jahren Besuch von Edelgard Koch (Atzler), die jetzt in Arneburg zu Hause ist. Viele Erinnerungen wurden ausgetauscht. Und der Wunsch kam auf, dass man alle anderen Spielgefährten auch noch einmal wiedersehen möchte. Letztes Weihnachten fasste Edelgard Koch den Entschluss, ein Wiedersehen zu organisieren.

Zusammen mit ihrer Tochter fuhr sie nach Kabelitz, fand in Hannelore Stauffer (Lahne), Rosemarie Kästner (Buchholz) und Therese Illgner (Berg) begeisterte Mitstreiter. "Einfach war es nicht und alle haben wir auch nicht zusammenbekommen. Wir kramten in unseren Erinnerungen, gingen gedanklich Haus für Haus durch, nutzten alte Fotos." Gut 50 inzwischen 70 und 80 Jahre alte ehemalige Kabelitzer kamen zum Wiedersehen. Während die, die in der Region geblieben sind, sich schnell erkannten, mussten bei anderen Namensschilder helfen. Groß war die Freude, so manche Träne der Rührung kullerte. "Das ist der kleine Norbert?" staunt Wilma Könnecke aus Schönhausen, die mit drei ihrer vier Geschwister nach Kabelitz gekommen war.

Der in Minden lebende Norbert Götze ist der Sohn des 2011 verstorbenen Dorflehrers Willi Götze, der allen noch in bester Erinnerung ist. Im jetzigen Wohnhaus von Liebichs befand sich die Dorfschule, in der jahrgangsübergreifend unterrichtet wurde. Gisela Remus (Wille), aus dem Schwarzwald angereist, kann sich noch genau an die Geschichte mit Storch "Heini" erinnern. Der war als Jungtier aus dem Nest gefallen, Lehrer Götze hat ihn auf den Hof geholt und alle Kinder haben mitgeholfen, "Heini" aufzupäppeln, "wir haben Frösche und Kaulquappen gesammelt und ihn gefüttert, bis er fliegen konnte".

Die weiteste Anreise hatten übrigens Wilfried Hirschel vom Chiemsee und Erich Schubert aus München.

Stolz, den Spielgefährten von einst ein so schönes Dorf zeigen zu können, war Willi Heinemann, dessen Familie seit mindestens 1700 in Kabelitz ansässig ist. Als sich die Ehemaligen am Sonnabend zunächst in der Kirche versammelt hatten, erzählte er aus der Geschichte des 946 erstmals erwähnten Ortes, dass die erste Schule 1858 eröffnet hatte, 1872 ein Deichbruch alles überschwemmte, dass vor dem Krieg 277 Bürger im Ort lebten und mit den Flüchtlingen die Einwohnerzahl schlagartig auf 442 anstieg. Die Kirche erlitt am 7. Mai 1945 einen Volltreffer, 1948 schlug der Blitz in den Turm ein. Der wurde auch mit Geld der Kabelitzer wiederaufgebaut. Der Straßenbau 2006 verlieh Kabelitz ein schönes Antlitz. Das bestätigten die Gäste beim Dorfrundgang. "Was haben wir hier viel getanzt..." schwelgt Gerda Lietzow in Erinnerungen, als die Gruppe die ehemalige Gaststätte passiert. Im Saal gab es sogar Kino. "Und wir Kinder waren ganz aufgeregt, wenn Hochzeit gefeiert wurde oder Maskenball." Die vielen Bilder, die Norbert Götze mitgebracht hatte und die nach dem Mittagessen in Schönhausen die Runde machten, trugen dazu bei, sich gut zu erinnern an eine schöne und unbeschwerte Kindheit und Jugend in Kabelitz.

   

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