Anfang des Jahres hatte Christoph Wagener aus Hohengöhren seine Koffer gepackt und war nach Kanada geflogen. Der Zimmerermeister wollte Land und Leute kennenlernen und Arbeitserfahrungen sammeln. Nun steht er kurz vor der Rückreise. Was er in den vergangenen Wochen erlebte, hat er per Mail geschrieben.

Ob die Zeit in den unendlichen Weiten Kanadas schneller oder langsamer vergeht? Ich vermag es nicht zu sagen. Neun Monate bin ich nun schon unterwegs, kehre im Dezember zurück nach Deutschland. Der Tacho meines mobilen "Zuhauses" zeigt an, dass ich bereits mehr als 15000 Kilometer zurückgelegt habe. Mit British Columbia, Alberta, Saskatchewan, Manitoba und zuletzt Ontario habe ich fünf der zehn Provinzen (und drei Territorien) Kanadas kennengelernt - und es trotzdem gerade mal nach Thunder Bay, in die Mitte dieses riesigen Landes, geschafft. Drei Zeitzonen habe ich bereits "überfahren". Nur ein Schild am Highway weist darauf hin, dass man die Uhr erneut umstellen muss. Manchmal fühle ich mich beinahe zeitlos. Ein schönes Gefühl, wenn man sich an die streng getakteten Tage in Deutschland erinnert. Neulich, als ich mit meinem Vater über Pläne für die nächste Baustelle der Zimmerei in Hohengöhren sprechen wollte, habe ich bereits um fünf Uhr morgens, statt wie sonst üblich um sechs, im Büro durchgeklingelt, weil ich einfach vergessen hatte, wieder eine Zeitzone hinter mir gelassen zu haben.

Vier Monate habe ich für einen Zimmerer in Canmore, Alberta, gearbeitet. Kopfschütteln und Staunen über die seltsamen kanadischen Konstruktionen waren an der Tagesordnung. Allgemeine Tragwerkskonstruktionen sind in meinen Augen am Limit der Statik gerechnet, wo hingegen dekorative Konstruktionen wie Eingangsüberdachungen maßlos überbemessen sind. Aber ich hatte eine gute Zeit bei meinem kanadischen Arbeitgeber, der mich nicht selten als Vorarbeiter auf Montage geschickt hat.

Den Sommer habe ich genutzt, um Natur und Wildnis zu erfahren: Ich war fischen, wandern und Kajak fahren. Fürs Jagen und Fischen muss man in Kanada lediglich eine Lizenz erwerben; Angel- oder Jagdschein sind hier fremd - ebenso wie Hütten und Wanderwege. Die unzähligen Seen Kanadas erscheinen nicht selten wie Ozeane, weil man rundherum kein Land sehen kann. Kanadas mit 180 Metern längste Hängebrücke, die längste 800 Meter lange Zipline (Seilbahn), die 100. Calgary Stampede mit zahllosen Rodeos und Konzerten, segeln in Dryden, Quadfahren in Plumas, Golfspielen in Moose Jaw und Besuche beim Baseball und Football in Winnipeg waren weitere Highlights meines bisherigen Aufenthalts.

Beim Besuch meiner Freundin wurde mir deutlich, wie sehr ich mich schon an das Leben hier gewöhnt habe: Dass auf dem Highway plötzlich die rechte Spur endet oder ein Traktor auf dem selbigen dahin tuckert, verwundert mich ebenso wenig wie die Drive thru-Geldautomaten, Flip-Flops im Spielkasino oder die McDonalds-Dichte.

Auf dem Weg nach Thunder Bay entdecke ich meinen ersten Bären: Eine Schwarzbär-Mutter mit drei Kleinen überquerte die Straße. Früher am Tag hatte ich bereits einen Fuchs, fast doppelt so groß wie die heimischen, und Rehe und Hirsche gesehen. Auch das ist in Kanada Alltag.

Nicht so recht gewöhnen kann man sich an das, was die Kanadier unter Städtebau zu verstehen scheinen: Einen Stadtkern mit Fußgängerzone gibt es fast nie, das Stadtzentrum erinnert an ein deutsches Industriegebiet mit Restaurant- und Supermarktketten.

Ohne Auto können Kanadier nicht existieren: Fahrräder sieht man nur selten auf den Straßen, dafür ist eine Fahrt von fast 100 Kilometern zum Abendessen beinahe normal.

Inzwischen habe ich fast alle Verwandten meiner Oma kennengelernt: Linda und Oscar in Chilliwack, die mich bei meiner Ankunft in British Columbia unterstützt haben, Ken und Valerie in Calgary sowie Patti und John in Moose Jaw, die ich jeweils auf der Durchreise kennengelernt habe, und Archie, Irma, Armin und Donna in Plumas, bei denen ich mich als Farmer beim Rapsernten, Heumachen und Küheeinfangen probieren konnte. Hier habe ich auch mit einem ehemaligen Kollegen aus Canmore, der gerade wie ich einst den Osten des Landes erfahren will, ein Terrassen-Deck für Armin und Donna gebaut.

Die nächsten Wochen will ich nutzen, noch mehr vom Land kennenzulernen. Anfang Dezember geht es kurz vor Ende der Reise für eine Woche Urlaub nach Hawaii. Ein Katzensprung von hier. Wer weiß, wann man sonst noch einmal die Gelegenheit dazu hat. Der Camper hat mir gute Dienste erwiesen. Fast überall in Kanada darf man über Nacht parken. Zur Not tut es der Walmart-Parkplatz oder ein abgelegenes Fleckchen an einem der unzähligen Seen.

Mittlerweile ist auch der Winter mit Temperaturen unterhalb minus 10 Grad und Schnee wieder da. Könnte knifflig werden, die Rocky Mountains auf dem Weg nach Westen zu überqueren! Die nächsten Wochen werde ich noch mal für Woodpecker European Timberframing in Canmore arbeiten. Ja, und dann ist das Jahr auch schon fast wieder um und es geht zurück nach good old Germany. Unendliche Weiten hin oder her - meine Tage hier sind gezählt.

 

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