Barfuß das Grüne Band rund um die Wirlspitze erkunden. Auf diese ungewöhnliche Entdeckungstour durch den Wald am ehemaligen Todesstreifen führte gestern Jürgen Starck 14 abenteuerlustige Wanderer.

Ziemendorf l Jürgen Starck steht an der Wirlspitze - in kurzen Hosen und mit nackten Füßen. Es ist ein schöner Sommertag. "Heute möchte ich mit Ihnen gemeinsam dieses Experiment wagen und barfuß wandern", sagt der Binder am Sonntag zu den 14 Gästen.

"Wir sind hier in Arendsee, und dies ist die Wirkungs- und Lebensstätte von Gustav Nagel", erklärt Starck. "Schon der Naturapostel Nagel wusste, dass barfuß zu gehen Körper und Geist stimuliert, Pfarrer Kneipp lobte schon vor vielen Jahren das Laufen mit nackten Füßen als abhärtende Wohltat." Außerdem kräftige das Barfußwandern Muskeln, Bänder und Gelenke.

An der Wirlspitze kurz hinter Ziemendorf, an der Landesgrenze zu Niedersachsen und der Kreisgrenze zu Stendal, ist aus dem einstigen Todesstreifen der innerdeutschen Grenze ein naturnaher, touristischer Erlebnisraum entstanden, Jürgen Starck führt fast täglich Touristen durch dieses Gebiet - nun erstmals barfuß.

"Wir kommen doch alle barfuß auf die Welt, und ohne Schuhe zu laufen, ist auch eine Sinnesreise. Also, ziehen Sie nun bitte die Schuhe aus und spüren Sie einmal, was Sie nun überhaupt spüren", sagt er. Dieser Aufforderung kommen alle Wanderer unverzüglich nach. Einige tapsen zaghaft auf dem sandigen Boden herum, andere Mutigere laufen sofort ein paar Meter mit dem ungewöhnlichen Fußgefühl. "Wichtig ist nun, dass die Füße beim Gehen nicht auf dem Boden schleifen, um Verletzungen zu vermeiden", erklärt Starck und fügt hinzu: "Gehen Sie lieber im Storchgang, achten Sie auf den Weg und wohin Sie treten." Die Erfahrung dieses Weges soll laut Starck die Menschen wieder zurück zur Natur bringen und Erinnerungen an die Vergangenheit und die eigene Kindheit wachrufen. Zwar laufe er privat öfter mit nackten Füßen über sein Grundstück, aber Starck würde von sich selbst nicht behaupten, dass er leidenschaftlicher Barfußgänger wäre.

"Es ist wirklich ungewohnt, aber man spürt sofort eine natürliche Wohligkeit", sagt Martin Schulz, der auch seinen Hund zur Wanderung dabei hatte. "Er läuft ja auch immer ohne Schuhe, und ich wollte auch einmal spüren, wie sich das anfühlt", sagt der Stendaler.

"Ich richte mich auf Schmerzen ein"

Heinrich Spiezelski

Diese Erwartungshaltung teilen auch die anderen Gäste. "Ich bin sehr gespannt, was mich erwartet", sagt Alexandra Tinneberg aus Meßdorf und fügt hinzu: "Ich habe so etwas noch nie gemacht, aber ich freue mich darauf. Außerdem kann meine Tochter gleichzeitig etwas über die Geschichte der Grenze lernen." Die neunjährige Helene Tinneberg macht sich derweil mehr Sorgen über die Insekten im Wald. Sie sei zwar die Natur gewöhnt und viel auf Wiesen unterwegs, aber eine Wanderung durch den Wald ist für die Schülerin ungewöhnlich und barfuß bisher auch noch nie vorgekommen.

Weniger optimistisch sieht Heinrich Spiezelski aus dem Wendland das Barfußlaufen: "Ich richte mich auf Schmerzen ein, aber es ist eine Erfahrung, die ich unbedingt machen möchte", erzählt der pensionierte Lehrer. "Ich mache ausgedehnte Radtouren, da schmerzt der Körper auch des Öfteren", erzählt er. Schmerz bedeute für ihn auch, den Körper zu spüren. Jürgen Starck nahm den Gästen schon vor den ersten Schritten die Angst. "Ich habe einen Verbandskasten und ein spitzes Messer dabei, damit kann ich eingelaufene Dornen herausschneiden", sagt er lachend und bricht damit das Eis zwischen sich und den Wanderern.

"Absolute Ruhe ohne Autos und Flugzeuge"

Jürgen Starck

Schon geht es auch auf den Wanderweg am Grünen Band. Starck erklärt, dass auf der rund vier Kilometer langen Strecke mehrere Erfahrungspunkte aufgestellt sind. Jeder Punkt steht für ein Ereignis oder einen Bau am ehemaligen Grenzstreifen. "Ist es nicht wunderbar, durch diese absolute Ruhe ohne Autos und Flugzeuge zu wandern, die frische Luft zu riechen - und das alles auf einem Todesstreifen, der früher nicht betreten werden durfte?" Die Gäste nicken einstimmig und wandern nach dieser Frage von Starck eine Weile ganz ruhig und andächtig hinter ihm her. Gut zwei Stunden geht es so langsam durch den Wald.

Keiner der Wanderer zieht auf dem sandigen Boden vorzeitig seine Schuhe wieder an. Völlig entspannt und von der Sonne gewärmt, sind sich die Wanderer und Starck einig, diese Tour bald wieder zu veranstalten.

 

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