Besonders nach Schlaganfällen, bei fortgeschrittener Demenz oder Parkinson: Die Gründe für einen gestörten Schluckreflex und damit auch einer Nahrungsaufnahme sind vielfältig. Ein Expertenteam des Awo-Krankenhauses geht der genauen Ursache mit einem Videoendoskop auf den Grund.

Calbe l Ein stark dementer Patient wird in die Abteilung für Akutgeriatrie des Calbenser Krankenhauses gebracht. Er leidet unter einem starken Gewichts- und Flüssigkeitsverlust. Die Ursachen dafür liegen noch im Dunkeln. Nach einer umfangreichen Aufklärung und dem Einverständnis wird er zu Oberarzt Sven Schubert gebracht, der dann zur genauen Diagnose unter anderem eine video-endoskopische Schluckdiagnostik festsetzt.

Dabei führt der Facharzt für Innere Medizin und Geriatrie im Beisein einer speziell ausgebildeten Logopädin wie Hannelore Anders vorsichtig eine dünnen Sonde, an deren Ende sich eine kleine Kamera befindet, durch die Nase und Rachenraum an den "Schluckort" - den Kehlkopf - des Patienten heran. Vorteil dabei: Die Untersuchung ist im Stuhl oder Patientenbett durchführbar, benötigt keine Narkose und ist von kurzer Dauer. Nach der anatomischen Beurteilung des Rachens und des Kehlkopfes am Bildschirm testet Sven Schubert eingefärbte Nahrungsmittel in verschiedenen Konsistenzen von dünn- über dickflüssig bis breiig. Dabei wird der Schluckakt nach einem standardisierten Protokoll überprüft. "Man sieht genau, wie die Nahrung geschluckt wird oder wo eventuell Reste verbleiben", erklärt Sven Schubert, der im Haus auch gastroenterologisch arbeitet. Die Daten werden aufgezeichnet und können bei Verlaufskontrollen zum Vergleich herangezogen werden.

Heißt die Diagnose dann Schluckstörung, geben die Ärzte Empfehlungen zur Nahrungszubereitung an Angehörige oder Pflegepersonal. "Unter Umständen kann der verloren gegangene Schluckakt auch wieder erlernt und damit eine Magensonde vermieden oder rückverlegt werden", ergänzt die Chefärztin der Geriatrie Dipl.-Med. Sigrid Waurich. Auch die Qualität der Nahrung kann dem notwendigen Ernährungsbedarf angepasst werden.

Diese bildliche Untersuchungsmethode ist inzwischen zum Standard in der Akutgeriatrie geworden. Im historischen Backsteinbau in der Hospitalstraße wird sie seit rund zehn Jahren erfolgreich angewandt. "Doch in jüngster Zeit verzeichnen wir einen steigenden Bedarf, da wir mehr ältere Patienten mit Schluckstörungen bekommen", stellt der Oberarzt der Geriatrie fest und verweist auf die demographische Entwicklung.

Von den jährlich rund 2300 Patienten des Krankenhauses werden immer mehr Geriatrie-Patienten mit komplexen und schwersten Krankheitsbildern behandelt. "Vor allem Schlaganfall-Patienten leiden in der Akutphase oft an einer Schluckstörung. Daneben können zum Beispiel auch Parkinsonpatienten oder stark Demente im Verlauf eine Schluckstörung entwickeln. Oft wird diese unterschätzt, vom Fachpersonal, vom Patienten selbst oder seinen Angehörigen. Damit vervielfacht sich das Risiko, eine schwere Lungenentzündung zu bekommen", unterstreicht Chefärztin Waurich.