Ursula Rothe ist keine der üblichen Märchenerzählerinnen, die den Kindern einfach nur aus dem Buch vorlesen, während sie zur Winterzeit die Schulen, Kitas und Festsäle besuchen. Ursula Rothe ist mit ihren aufklappbaren Märchenbüchern und erzählenden Koffern " besser als 3 D ". Die Volksstimme erzählt hier ihre Geschichte - im Stil der Märchen.

Bernburg. Vor vielen, vielen Jahren, lange vor der Wende, fing unsere Geschichte an : Ursula Rothe lebte in Bernburg und arbeitete als Ökonomin. Das fand sie aber ein bisschen langwellig und dachte sich : " Das kann doch nicht alles sein, oder ?" Aber wie dem faden Job entkommen, vor allem zu DDR-Zeiten ?

Eines Tages lief Ursula einem Puppenspieler über den Weg. Er zog mit seinem Puppentheater durch die Gegend, sah außergewöhnlich aus und führte das Leben eines Künstlers. " Wer ist dieser ungewöhnliche Mann ?", fragte sich Ursula und wollte ihn kennenlernen. Sie verstanden sich gut, bis sie ihm schließlich auf seinen Reisen durchs magische Salzland folgen durfte.

Als seine Assistentin reichte sie ihm die Handpuppen, bereitete die Auftritte vor und " durfte sogar mal den Froschkönig halten ". Beide besuchten in ihrem Wagen viele Betriebe und Kindergärten und verdienten sich so ein paar Taler, als freiberufliche Unterhalter.

Doch langsam wurde das Leben mit dieser Arbeit immer schwieriger und als die Wende kam, wurde ihr Geldsäckl immer leichter und leichter. Und leider verstand sich Ursula auch mit dem Künstler nicht mehr so gut wie zuvor.

Traurig überlegte Ursula nun, was zu tun sei. Um sich ihre Brötchen zu verdienen, zog sie 1991 an den Hof des Landrates und erbat bei ihm eine Anstellung als persönliche Assistentin.

In ihrer Freizeit stieß sie dieser Tage auch auf Bücher, die sich mit Märchen in einer psychologischen Sichtweise befassten, die sogenannte Märchendeutung. Sie las Bücher wie " Kinder brauchen Märchen " von Bruno Bettelheim, " Familienkonflikte im Märchen " oder " Märchen als Therapie " von Verena Kast. Diese Bücher verrieten ihr den geheimen, ungekannten Sinn der Märchen und sie erkannte : " In Märchen wird so viel Tiefgründiges abgehandelt, es spiegeln sich Familienprobleme wider, die Figuren und Geschichten sind die Abbilder unseres Seelenlebens. Verena Kast schlägt sogar vor, mit Märchen Traumata zu behandeln. "

Weiter also mit Märchen ! " Aber einfach nur vorlesen, aus einem Buch ?", fragte sie sich. " Eigentlich will ich etwas machen, wo ich mit Kindern zusammen bin ... wo sie richtig mitmachen können ... wo sie im Vordergrund stehen ... so haben sie viel mehr Spaß und prägen sich alles besser ein !", dachte sie sich.

Und ein Geistesblitz machte sie zu einer der bis heute berühmtesten Märchenerzählerinnen des Salzlandes. Sie sagte zu sich selbst : " Mir gefielen doch immer diese tschechischen Märchenkoffer, die man aufklappen und mit denen man eine Geschichte erzählen kann ! Und es gibt doch diese Schiebebilder, die man mit verschiedenen Bühnenbildern dekorieren kann und wo man Figuren aus Pappe reinsetzen kann. "

Ursula hatte also eine Idee und stürmte schnurstracks in ihre kleine Hobbywerkstatt, um das aufklappbare Märchenbuch von der " Weißen Schlange " zu basteln. Mit ihren anderen Fertigkeiten – der Möbelrestauration, Glasarbeit und Patchwork-Nähen – hat sie bis heute über zehn Märchenbücher gebastelt.

Und die nächste Idee kam der Märchenerzählerin sogleich, als sie ihren Hörspiel-CDs lauschte : " Ich kenne jetzt alle Texte auswendig. Kann ich damit nicht irgendwas Lustiges anfangen ?", fragte sie sich und machte einen spontanen Versuch : Bei einem ihrer Abende mit den Märchenbüchern bat sie ein paar Kinder auf die Bühne und flüsterte ihnen am Mikrofon vorbei die Texte der anderen Figuren zu. Und tatsächlich : es klappte ! Die Kinder machen bis zum heutigen Tage energisch mit, wenn die Märchenerzählerin zum gemeinsamen Bühnenspiel bittet.

Doch auf ihren Touren stieß Erzählerin Ursula auch auf Dinge, die ihr nicht gefielen : Wenn sie Kindergartengruppen besucht und den Erzieherinnen von ihren Bühnenspielen erzählt und dass sie es mit den Kindern auf die Beine stellen will, sagen diese : " Den hier nehmen Sie aber nicht, der ist dumm und den da auch nicht, der ist verhaltensgestört und der dort ist zu schüchtern. "

Das findet die Märchenerzählerin gar nicht gut : " Wenn mir das gesagt wird, hole ich diese Kinder gerade auf die Bühne !", ist ihre Reaktion auf die Ungerechtigkeit und dann zeigen auch die " Problemkinder " zum ersten Mal so richtig, was sie können, so dass die Erzieherinnen aus dem Staunen nicht mehr rauskommen.

Das ist für Erzählerin Ursula auch die Moral ihrer Geschichten : " Ich möchte Freude machen und helfen, Ängste zu bewältigen.

Vor allem aber den Kindern zeigen, dass viel mehr in ihnen steckt, als andere je geahnt haben. " Und so beglückt sie bis heute die Kinder mit ihren Märchen.