Kilian Scholla ist bereits in jungen Jahren versierter und leidenschaftlicher Pianist. Der 15-jährige Schüler aus Staßfurt lernt bei Irina Lackmann an der Kreismusikschule Béla Bartók, war 2011 bei Wettbewerben erfolgreich. Er ist zudem Mitglied der Band Take off. Das Klavierspiel ist jetzt Kilians großes Hobby, die Musik soll auch zum beruflichen Lebensmittelpunkt des Jugendlichen werden.

Staßfurt l Kilian Scholla setzt sich an den Flügel. Er richtet sich kurz auf, der Rücken ist gerade, der rechte Fuß tastet sich vor zum Pedal. Der 15-Jährige beginnt zu spielen, beginnt die Musik zu atmen. "Ich möchte das, was ich fühle, in die Tasten geben." Gerade probt er Frédéric Chopins g-Moll-Ballade zusammen mit seiner Lehrerin Irina Lackmann. Dazu einige Inventionen und Sinfonien von Johann Sebastian Bach. Eine extravagante Mischung, die Ausdruck für einen besonderen Werdegang und für vielfältige musikalische Interessen ist.

Von "einer komischen Entwicklung als Musikschüler" spricht der Jugendliche, als er seinen Werdegang Revue passieren lässt. Mit sieben Jahren erhält er das erste Mal Klavierunterricht, ganz klassisch. Die Mutter greift den Wunsch ihres Sohnes gerne auf, war sie selbst doch musikalisch aktiv, und kümmert sich darum, dass Kilian Stunden bekommt, übt mit ihm die Stücke zu Hause. Doch bald schon wecken andere Genre das Interesse Kilians. Er wird Gründungsmitglied der Staßfurter Band "Take Off". Seit August 2010 hat er Coversongs wieder gegen Präludien, Fugen, Sonaten und Etüden getauscht.

"Das Klavier ist ein sehr mächtiges und facettenreiches Instrument. Das gefällt mir."

Immer aber ist er dem Klavier treu geblieben: "Es ist ein sehr mächtiges und facettenreiches Instrument", sagt der Jugendliche, der von den Klängen fasziniert ist, die Schattierungsmöglichkeiten beim Spiel, das Ausdrucksvermögen des Klaviers. Musik von Rachmaninow und Prokofjew hat es dem jungen Pianisten dabei besonders angetan. "Die Stücke sind leidenschaftlich, aber nicht klischeehaft, sie bringen die Verbundenheit zur Heimat zum Ausdruck, die unendlichen Weiten Russlands, eine immanente Melancholie."

Bei Chopins Stücken "singe das Klavier" und Bachs strenger Kontrapunkt bringe eine ganz "andere Emotion zum Ausdruck, schwere Musik, die niemals schwer klingen dürfe", so Kilian. Besonders spannend ist für den Schüler, sich auch mit den Biografien der Komponisten zu befassen. Kilian liest zur Zeit Bücher über Bach und Liszt. Nicht weil er es von der Musikschule aus muss, sondern weil ihm eigenes geschichtliches Interesse und eine Neugier das einfordern. "Man hört so viel in der Musik." Das angeeignete Wissen helfe, diese Weite zu erfassen, die Stücke nicht "nur runter zu spielen" und ganz nebenbei diene es noch der Allgemeinbildung, sagt der junge Mann schmunzelnd.

Lesen allein genügt nicht, zum Klavierspielen gehört viel Üben. Kilian lächelt wieder. "Üben ist der wichtigste Baustein für jeden Instrumentalisten, die Voraussetzung für jeglichen Erfolg." Klingt plausibel, sieht aber in der Praxis des Staßfurter Schülers vielfältig aus. Er probt in der Musikschule oder zu Hause, aber er übernimmt auch viele Begleitungen von anderen Musikern als Korrepetitor. Wenn man dann noch weiß, dass Kilians Interessen von der Musik über die Mathematik zur Informatik bis hin zur Mediation reichen, kann man sich vorstellen, dass so manche Hausaufgabe zur Nachtarbeit wird. "Mit dem Älterwerden gewichtet man diese Dinge für sich, ich empfinde das Üben und das Arbeitspensum für die Schule nicht als Belastung, denn oft ist damit Spaß verbunden."

Musikalisch hat sich Kilian auch einen Ausgleich gesucht. Die Band Take off, die er mit Mitschülern nach ersten Gehversuchen im Musikerkeller ins Leben gerufen hat. 2011 ist Take off fünf Jahre alt geworden und hat sich in der Szene behauptet.

Die Jungen samt Sängerin schreiben inzwischen eigene Songs, feilen ihr Pop-Cover immer mehr aus und bereiten eine eigene Studioproduktion vor. Weitreichende Förderung erfährt das Projekt vom Verein Aktiver Musiker (VAM) im Staßfurter Schlachthof. Besonders dankbar ist der junge Musiker, dass die Musikschule Béla Bartók ihn unterstützt, genau so wie die Salzlandsparkasse. Kilian ist eines der Cash n´ Fun-Talents. In der Musikschule ist Kilian Mitglied der Jazzband Wolfgang Maders. "Das alles ist ein schöner Ausgleich zur klassischen Musik, auf der Bühne kann man aus sich rausgehen, anders spielen, ein bisschen improvisieren."

"Im Vordergrund des Klavierspielens muss immer die Interpretation stehen."

Die Kunst des Stehgreifspiels entdeckt Kilian für sich, er hat an der Leipziger Musikhochschule Unterricht im Fach Jazz-Klavier. Das alles führt dazu, dass er auch im klassischen Klavierspiel einen neuen Qualitätsgrad erreicht. Der 15-Jährige hat an verschiedenen Wettbewerben teilgenommen. Als Korrepetitor und Begleiter von Sängerin Katharina Kaufmann wurde er erster Preisträger beim Wettbewerb Jugend musiziert 2010. Einen ersten Preis gab es auch beim Wettbewerb der Jütting-Stiftung Stendal. Beim Bundeswettbewerb von Jugend musiziert 2011 gab es zwar das Prädikat sehr gut für Kilians Spiel, aber keine Platzierung. Nach intensiver Vorbereitungsphase müsse man eine solche "Niederlage" irgendwie wegstecken können, sagt der Jugendliche. Aber seine Motivation ist groß, deshalb schwinden die Selbstzweifel schnell dem Gefühl, in drei Jahren noch einmal bei Jugend musiziert anzutreten. Außerdem ist im neuen Jahr 2012 einiges an Wettbewerben und Konzerten geplant.

Bei diesen Ambitionen stützt und begleitet ihn Lehrerin Irina Lackmann von Grund auf. Für Kilian ist sie eine "ideale Lehrerin". Chemie und Kommunikationen stimmten, Irina Lackmann könne ihm inspirierend und leidenschaftlich Musik erklären, beschreibt der angehende Pianist seinen Unterricht. "Man sagt, sie sei eine strenge Lehrerin, aber diese Strenge empfinde ich nicht." Vielmehr wüssten Schüler und Lehrerin im Unterricht, wo es hingehen solle, was man sich musikalisch abverlangen wolle. Und bei Wettbewerben opfere Irina Lackmann viel Zeit, um ihre Schüler gut vorzubereiten.

Für Kilian ein echtes Vorbild, so wie auch manche Größe des klassischen Klavier-Betriebes, Evgeny Kissin, Swjiatoslaw Richter oder Vladimir Horowitz nennt der 15-Jährige. Dem Showgetümmel um pianistischen Instanzen wie Lang Lang kann er aber nichts abgewinnen. "Im Vordergrund muss immer die Interpretation, das Stück stehen", hat er als klare Begründung für diese Kategorisierung parat. Für den Jazz gelte das genauso, auch wenn in diesem Genre viel mehr Platz für Individualität bleibe. Herbie Hancock oder Jordan Rudess fallen Kilian hier als prägende Vorbilder ein.

In solch große Fußstapfen würde der Schüler gern treten. Er will nicht klassischer Pianist werden, "da gibt es viele Bessere", aber Jazzer. Das Klavier soll sein Leben weiter begleiten. Kilian sitzt immer noch am Flügel, sein Gesicht verändert sich, als er zu spielen beginnt. Er ist konzentriert aber nicht verbissen. Und schwelgt in der Musik.