Vor 70 Jahren, am 8. April 1943, mussten die gebürtige Bismarkerin Elise Hampel und ihr Mann Otto in Berlin-Plötzensee ihr Leben lassen. Sie wurden dort, wie mehrere Tausend andere vor und nach ihnen, mit dem Fallbeil hingerichtet.

Bismark l Elise Hampel wurde am 27. Oktober 1903 in Bismark geboren. Sie war die Tochter von August und Minna Lemme. Ihr Elternhaus steht heute noch in der Straße der Einheit. Elise und Otto Hampel waren einfache Leute, hatten 1937 geheiratet und wohnten im Berliner Arbeiterbezirk Wedding. Er, Arbeiter bei Siemens, sie Schneiderin. Ihr Leben wurde erschüttert, als Elises Bruder Kurt 1940 als Soldat beim deutschen Angriff auf Frankreich zu Tode kam. Durch dieses Ereignis wurde ihnen der verbrecherische Charakter von Krieg und Naziherrschaft bewusst.

Diese Erkenntnis hatte Folgen. Sie organisierten ihren Widerstand gegen das faschistische Regime. Sie schrieben Flugblätter, in denen sie zur Verweigerung des Kriegsdienstes, zum Sturz Hitlers und zum Boykott von NS-Straßensammlungen aufriefen. Die unmittelbare Wirkung der Aktionen war eher beschränkt, da fast alle Blätter bei der Polizei oder Gestapo landeten.

Das Tun der Hampels erlangt seine Bedeutung, weil sie es wagten, den Nationalsozialisten die Stirn zu bieten. Sie gehören damit zu den ungezählten Deutschen, die sich im Umfeld von Mord und Terror, das getragen wurde von millionenfacher Gleichgültigkeit und Anpassung, der Menschlichkeit und bürgerlichem Rechtsbewusstsein verpflichtet fühlten.

Hampels kämpften ihren stillen Kampf über zwei Jahre, bis sie durch eine Denunziation im Herbst 1942 in die Fänge der Gestapo gerieten. Der Volksgerichtshof verurteilte sie wegen Wehrkraftzersetzung und Vorbereitung zum Hochverrat zum Tode. Gnadengesuche wurden abgelehnt.

Schicksal war über Jahrzehnte in Vergessenheit geraten

Über Jahrzehnte war dieses Schicksal für die Bismarker Öffentlichkeit in Vergessenheit geraten. Die Familie hüllte sich nach Elises Tod in Schweigen. Auch später tauchten bei offiziellen Ehrungen von antifaschistischen Widerstandskämpfern und Naziopfern nie die Namen der Hampels auf. Nur wenige alte Bismarker wussten noch schemenhaft von Elises Schicksal. So auch Rudi Grützmacher. Er hatte im Auftrag des ehemaligen Bismarker Ortschronistenkollektivs dazu geforscht und nach der Wende eine Mappe zu dem Thema im Rathaus hinterlegt.

Die Mappe im Archivregal des Rathauses erregte die Neugier der Journalistin Helga Klein. Sie betrieb in den 1990er Jahren die Bismarker Lokalredaktion der Volksstimme. Mit Beharrlichkeit veröffentlichte sie immer wieder Geschichten aus Bismarks Vergangenheit. Dem Hampel-Thema widmete sie ihre besondere Aufmerksamkeit. Bei ihren Recherchen stieß sie auf den Literaturwissenschaftler Manfred Kuhnke. Der hatte seine Forschungsergebnisse zur Entstehungsgeschichte von Hans Falladas Roman "Jeder stirbt für sich allein" veröffentlicht.

Nach Kriegsende 1945 übergab Johannes R. Becher, später DDR-Kulturminister, an Fallada eine Gestapo-Akte mit der Anregung, nach diesem Stoff einen antifaschistischen Roman zu schreiben. Mit der Öffnung der Archive nach der Wende 1989/90 nahm Manfred Kuhnke Einsicht in die Dokumente. Es war die Akte von Elise und Otto Hampel.

Daraus entstand nicht nur der letzte, sondern zugleich beste Roman Falladas. Er schildert darin sehr eindrucksvoll, spannend und ergreifend die Geschichte des Ehepaars, das hier Quangel heißt, eingebettet in den bedrückenden Alltag einfacher Menschen im Berlin der Kriegszeit. Der Roman wurde viel gelesen und mehrfach verfilmt. Das Buch steht jetzt, fast siebzig Jahre nach der Erstausgabe, auf den Bestsellerlisten in den USA, England, Frankreich und sogar in Israel. Den Hampels wurde damit in der deutschen Literatur ein würdiges Denkmal gesetzt.

Helga Klein holte das Andenken zurück

Helga Klein ließ das Thema nicht mehr los. Sie beschaffte sich Kuhnkes Schriften und nahm persönlichen Kontakt mit ihm auf. Über Jahre konnte man in der Volksstimme Artikel von ihr lesen, in denen sie von den Hampels erzählte und mit denen sie ihre Leser aufrief, sich dieser Geschichte zuzuwenden, um das Andenken in die Gegenwart zu holen. Das Kredo ihrer Beiträge war: Wann und wie würdigt die Stadt Bismark diese Menschen? Dank ihrer Beharrlichkeit kam das Thema im Januar 2000 auf den Tisch des Stadtrates. Dieser beschloss im April 2001, auf dem städtischen Friedhof eine Gedenktafel für Elise Lemme zu errichten. Am 14. November 2001 wurde die vom Bismarker Steinmetzmeister Bernhard Schulze gestaltete Tafel feierlich enthüllt. Nachfahren von Elise Hampel waren anwesend. Auch Manfred Kuhnke war gekommen. Nach der Enthüllung stellte er im Bürgerhaus die Neuauflage seiner Abhandlung über die Entstehung von Falladas Roman unter dem Titel "Die Hampels und die Quangels" vor. Ein längst überfälliger Schritt war vollzogen.

Im Sommer 2008 wurde die Tafel zerstört, geschändet das Gedenken an Elise Hampel. Die Tat wurde mit keinem Wort öffentlich thematisiert; kein gutes Zeugnis für die Stadt Bismark. Im Dezember 2008 ersetzte ein Holzkreuz die Ehrentafel. Blieben auf der Tafel Krieg und Gewalt schon ungenannt, so ist jetzt überhaupt nicht mehr die Rede von der Auflehnung des Ehepaares Hampel.

Den 70. Jahrestag der Hinrichtung der beiden nehmen am Montag Vertreter der Ortschaft Bismark und des Heimatvereins zum Anlass, um Blumen an dem Gedenkkreuz niederzulegen.

   

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