Die letzte Ratssitzung des Jahres nutzten die Tangermünder am Mittwoch zu einer außerordentlichen Zusammenkunft. Während Bürgermeister Dr. Rudolf Opitz mit einer Vielzahl statistischer Werte an die vergangenen 20 Jahre erinnerte, hielt Stadtratsvorsitzender Horst Becker einen politischen Rückblick.

Tangermünde. In den vergangenen 20 Jahren hat sich in Tangermünde viel verändert. "Es war auch zu DDR-Zeiten ein hübsches Städtchen", sagte Dr. Opitz am Mittwoch, "doch wir haben die Stadt seit 1990 so schön gemacht, wie sie es nie in den vergangenen 1000 Jahren gewesen ist."

Opitz scheute nicht davor zurück, die Entwicklung der Kaiserstadt seit der Wende als Erfolgsgeschichte zu bezeichnen. Und die untermauerte er mit jeder Menge Zahlen. Von 1991 bis 2009 seien 84 Millionen Euro in die Stadt investiert worden. Unterstützt wurden die Vorhaben mit insgesamt 20 Millionen Euro Fördermitteln. Die Stadtwerke verbauten in dem genannten Zeitraum etwa 20 Millionen Euro. Und auch die Wohnungsbau- und Verwaltungsgesellschaft sorgte mit 28 Millionen Euro für mehr Lebensqualität in den Wohnungen und dem Wohnumfeld. "Das sind insgesamt 130 Millionen Euro, also sieben Millionen Euro pro Jahr", rechnete Opitz dem Rat und allen ehemaligen Ratsmitgliedern vor. Sie waren zur außerordentlichen Sitzung eingeladen worden.

"Negativ ist die Entwicklung der Einwohnerzahlen"

Zuletzt, so der Bürgermeister weiter, hatte die Stadt 1997 einen Kredit aufgenommen. Insgesamt seien es 4,45 Millionen Euro gewesen. Da seit jener Zeit keine neuen Schulden gemacht wurden, sinken die Verbindlichkeiten der Kommune Jahr für Jahr. Ende 2011 wird Tangermünde noch weniger als eine Million Euro zu tilgen haben. Voraussichtlich 2015/2016 sei die Stadt schuldenfrei.

Doch nicht nur Positives hatte das Stadtoberhaupt in seine Statistik der vergangenen 20 Jahre einfließen lassen. "Negativ ist ganz eindeutig die Einwohnerentwicklung", sagte Opitz. Lebten 1991 noch 11 200 Menschen in der Stadt, so waren es Ende 2009 nur noch 9300. Damit verlor die kleine Stadt an der Elbe in 19 Jahren 2100 Einwohner. Einen großen Einfluss hat die Entwicklung der Geburtenzahlen. Hier hat sich Tangermünde dem Bundesdurchschnitt angepasst. Wurden 1990 noch 160 kleine Tangermünder geboren, so sind es seit Anfang der 90er Jahre nur noch 60 bis 70 im Jahr. "Außerdem ziehen viele junge Menschen weg, dorthin, wo ihnen Arbeit geboten wird", rief Opitz einen weiteren Grund für die Entwicklung der Einwohnerzahlen in Erinnerung.

Auch die Arbeitslosenstatistik zog er in seinen Rückblick ein. "Sprach man 1995 offiziell von 18 Prozent Arbeitslosigkeit in der Altmark, so waren es nach meinen Recherchen in unserer Stadt 28 bis 30 Prozent", berichtete er. Jeder Dritte sei damals ohne Arbeit gewesen, viele steckten zu jener Zeit in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. "Allein Tangermünde hatte damals 100 ABM, für die wir sogar einen eigenen Koordinator hatten", so Opitz. Gut eine Million Euro an Personalkosten seien damals allein über das Arbeitsamt für diese Menschen gezahlt worden.

Heute, da im Bereich der Arbeitsagentur Stendal von etwa mehr als zwölf Prozent Arbeitslosigkeit die Rede sei, gehe der Bürgermeister von 15 bis 16 Prozent Erwerbslosigkeit in seiner Stadt aus.

Um die adrette Kleinstadt am Leben zu erhalten, "setzen wir auf Tourismus und Gewerbe", sagte das Stadtoberhaupt. Touristisch sei Tangermünde auf einem guten Weg, gewerblich erhoffe er sich einen Aufschwung.

Um den Tangermündern eine Perspektive in der Heimat zu bieten, hatte der Rat gleich zu Beginn der 90er Jahre Pläne für Gewerbe- und Industriepark beschlossen, für Wohnbebauung grünes Licht gegeben.

"Euphorie der ersten Monate wurde schnell gedämpft"

"Doch die Euphorie der ersten Monate wurde schnell gedämpft", erinnerte Horst Becker am Mittwoch an die 90er Jahre. Schuld daran war der Niedergang der Industrie- betriebe mit all seinen Folgen, unter anderem der hohen Arbeitslosigkeit.

Und nicht nur in der Wirtschaft ging es bergab. Auch soziale Einrichtungen spürten schnell den Wandel der Zeit. "Von einst elf Kindertagesstätten sind heute drei übrig geblieben", so Becker.

In seinem Rückblick rief Becker noch einmal die Erinnerung an den ersten demokratisch gewählten Stadtrat zurück. Bei einer Wahlbeteiligung von mehr als 70 Prozent wurden im Mai 1990 35 Stadtverordnete direkt gewählt. Stärkste Fraktion wurde die CDU, gefolgt von der SPD. Vertreten waren damals außerdem im Rat das Neue Forum, die neu gegründete PDS, der Bund Freier Demokraten, der DFD und die Grünen. Im Juni 1990 wählte die Stadtverordnetenversammlung Dr. Rudolf Opitz zum Bürgermeister. Rolf Meyer wurde dessen Stellvertreter.

Becker erinnerte an das beschlossene und später wieder verworfene Verkehrskonzept für die Innenstadt, an die Diskussionen um Schaffung von Parkplätzen am Alten Friedhof, an denen sich heute niemand mehr stößt.

20 Jahre Ratsarbeit veranlassten auch Horst Becker zu ein wenig Statistik. Während der etwa 200 Sitzungen seien seit 1990 etwa 1800 Beschlüsse gefasst worden, sagte er. Und das fast immer "ohne das sonst übliche Parteiengezänk".

Heiner Pilz hatte 1990 als erster den Vorsitz des Stadtrates übernommen. Ihm folgte bis 1995 Pfarrer Horst Gaede. Seit 15 Jahren steht Horst Becker dem Rat vor. In der Oktobersitzung hatte dieser seine Position zum Ende des Jahres zur Verfügung gestellt. "Ich trete nicht zurück, ich lege mein Mandat nicht nieder. Das Ziel wäre für mich, dass ein junges Mitglied des Rates diese Funktion übernimmt", hatte Becker in nichtöffentlicher Sitzung verkündet. Doch niemand hatte sein Angebot annehmen wollen. "Die Vorsitzenden aller Fraktionen des Rates haben mich aufgefordert weiterzumachen und mir das volle Vertrauen ausgesprochen", sagte Horst Becker am Mittwoch.