Wie stark prägt das Internet die junge Generation? Wie groß ist die Gefahr, den Sinn fürs wirkliche Leben zu verlieren? Diesen Fragen gehen Theater-Mitarbeiter mit Komarow-Sekundarschülern nach. Grundlage ist das aktuelle Stück "Norway. Today".

Stendal. Sie sind jung, wohlbehütet, frei von materiellen Sorgen – und sie wollen sterben. Julie und August, sie Anfang 20, er 19, lernen sich im Internet kennen, um Doppelselbstmord zu begehen. Sie haben den Sinn für das Echte im Leben verloren, wollen sich mit all den "Fakes" und all den Rollenspielen nicht zufrieden geben. Sie wollen zehn Sekunden wirkliches Leben erfahren – im freien Fall von einem Felsen an einem norwegischen Fjord.

"Könntet ihr euch vorstellen, dass so etwas im wahren Leben passiert?" Theaterpädagoge Robert Grzywotz schaut gespannt in die Gesichter der Jugendlichen, die im Kreis mit ihm und Dramaturgin Antonia Holle sitzen. "Das ist Schwachsinn!", sagt einer. "Ich finde das romantisch", eine andere. Und ein Dritter findet: "Wenn jemand Selbstmord androht, ist das meist nur Gelaber."

Wie stark holt die virtuelle Welt die Jugendlichen von heute ein, wie groß ist die Gefahr, das wirkliche Leben mit einer Maskerade im Netz zu verwechseln? Wann verwischen die Grenzen zwischen echt und irreal? All das sind Fragen, die Grzywotz und Holle mit den Mädchen und Jungen der 9a der Komarow-Schule bereden wollen. Das aktuelle Stück "Norway. Today" ist Grundlage für die Diskussion.

Die Vorlage für diesen Stoff lieferte eine wahre Begebenheit, die im Februar 2000 in Norwegen passierte und im Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" beschrieben wurde. Im Gegensatz zum Theaterstück – in dem die Protagonisten durch die Verabredung zum Selbstmord doch zum Leben zurück finden – endete die wahre Geschichte tragisch.

Todessehnsucht, Realitätsverlust, die Frage nach dem Sinn des Lebens – all das sind Themen, die auch die Jugendlichen beschäftigen. "Sie wirken zwar verschlossen und wollen cool sein, aber sie denken viel tiefgründiger, als man meint", sagt Deutsch- und Ethiklehrerin Sabine Pötter am Ende der sehr intensiven Schulstunde. Auch Pötter möchte ihre Schüler gern für die Inhalte des Lebens sensibilisieren, mit ihnen darüber ins Gespräch kommen. "Wer führt denn heutzutage zu Hause mit seinen Kindern noch Gespräche über Fragen des Lebens? Viele Jugendliche sind einfach überfordert, vor allem mit dem, was sie nach der Schule erwartet."

Das Traurige scheint im Stück zu dominieren. "Aber es gibt auch viele positive Momente", sagt Dramaturgin Antonia Holle. Wie es zu dem guten Ende kommt, erfahren die Neuntklässler der Komarow-Schule Anfang Januar, wenn sie sich das Stück im TdA anschauen. "Vielleicht löst es bei den Jugendlichen was aus", überlegt Holle. "Gerade bei den Stillen, die heute nichts gesagt haben oder nicht ehrlich zu sich waren."

 

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