Die Deponie hat nächstes Jahr ihre Aufnahmekapazität erreicht. Aber am Fuße des Berges geht der Müllbetrieb weiter.

Stendal l Den schönsten Blick über Stendal gibt es nur dank Müll. Manfred Dohme kann ihn, wenn er will, täglich genießen. Dann braucht er bloß in seinen Kleintransporter zu steigen und die Piste auf den knapp 40 Meter hohen Berg an seiner Arbeitsstelle raufzufahren und schon kann er den Blick bis Tangermünde und Jerichow schweifen lassen. Seine Füße stünden auf Gras, aber er wüsste: Unter ihm sind Tausende Kloschüsseln, Autofenster, Ziegelsteine, Gipskartonwände. An den unappetitlichen Rest, der hier während drei Jahrzehnten als Hausmüll abgeladen wurde und inzwischen zu einer homogenen Masse geworden sein dürfte, denkt er dann lieber nicht.

Aber so sieht es nun mal aus in Stendals Grünem Hügel, der im Gegensatz zu dem in Bayreuth nichts mit Hochkultur, wohl aber mit den Überbleibseln derselben zu tun hat. Von 1973 an landete der Restmüll aus den Stendaler Haushalten und der Umgebung auf der Deponie an der Osterburger Straße. Seit 2005 ist das verboten, seither wird der Berg saniert, mit Bauschutt und Erdaushub aufgefüllt. Nächstes Jahr ist auch damit Schluss, dann hat er seine endgültige Höhe von 40 Metern erreicht. Aber er wird noch weitere drei Jahrzehnte leben. Noch sackt und senkt er sich, Vermesser kommen regelmäßig, um diese Bewegungen zu dokumentieren. Und der Berg atmet aus, Gärgase müssen entweichen. 37 Gasbrunnen sind daher an den Hängen verteilt. "Das methanreiche Gas wird zum Teil in das Deponie-eigene Blockheizkraftwerk geführt, zum Teil in das der Stadtwerke", erklärt Manfred Dohme, Betriebsleiter von Deponie und Abfallannahme.

Auch Müll kennt Jahreszeiten: In den Ferien ist wenig los

Die Abfallannahme und Umladestation ist der Grund, warum hier am Berg trotzdem jeden Tag Betriebsamkeit herrscht. Ob Pkw oder mit Containern beladene Lkw - Müll wird gebracht, Müll wird fortgeschafft. Hausmüll, Gelbe Säcke, Sperrmüll, Sondermüll, Elektroschrott, Holz, Glas... alles landet auf dem vier Hektar großen Gelände an der Osterburger Straße. Aber Endstation ist das noch nicht. Der Restmüll kommt nach Magdeburg-Rothensee ins Müllheizkraftwerk, Bio-Müll und Grünabfälle nach Polte in die Kompostieranlage, Altpapier nach Tangermünde. Und für jeden Abfall anderer Art wiederum gibt es Verwerter und Entsorger, die aus Stendal von Containerdiensten beliefert werden. "Man kann bei uns eigentlich alles abliefern, außer Autoteile sowie Elektrogeräte, die über Haushaltsgröße hinausgehen", sagt Manfred Dohme. Und da das meiste sogar kostenlos beziehungsweise gegen geringes Entgelt abgeliefert werden kann, ärgert es Dohme umso mehr, dass es immer wieder Leute gibt, die ihren Müll im Wald abladen.

Am Abfall kann Dohme so manches ablesen. Er merkt nur zu deutlich, dass das Wohl der Menschen offenbar stark vom Fernseher abhängt. "Hier werden manchmal Geräte als Schrott abgeliefert, die noch voll funktionsfähig sind", sagt er kopfschüttelnd.

Gäbe es keinen Kalender und kein spürbares Wetter, Dohme wüsste trotzdem, welche Jahreszeit oder Saison gerade ist. Ob Fußball, Ferien oder Frühjahr - an dem Abfall, der an der Annahmestation abgegeben wird, und an der Menge erkennt er, was grad los ist. Grünschnitt war im Frühjahr, während der Fußball-EM war fast gar nichts los, und gerade stapelt sich das Holz, das Kleinanlieferer hier abgegeben haben, in Mengen. "Die Heizkraftwerke, die das sonst nehmen, fahren im Sommer zurück, da würden wir noch draufzahlen, um es loszuwerden", erklärt Dohme. Und beim Blick aus seinem Containerbüro- fenster weiß er auch: "Ferienzeit, sonst stehen die Autos hier Schlange."

Und wenn sie Schlange stehen, dann nicht wegen der Aussicht. Denn noch ist der schönste Blick auf Stendal ein Privileg der Deponie-Mitarbeiter. Aber wer weiß, in einigen Jahrzehnten bringen die Stadtführer und Einwohner ihre Gäste vielleicht auf die 40 Meter hohe Erhebung im Nordwesten der Stadt, um den mühsamen Weg hinauf mit einem grandiosen Panorama zu lohnen. Und dann erfahren sie, dass sie diesen wundervollen Weitblick nicht nur dank Kloschüsseln und alter Autofenster haben, sondern auch, weil zum Beispiel die Osterburger Straße am Fuße des Hügels saniert wurde. Denn auch deren Aushub hat zum Füllen des Berges beigetragen.

Aber bis dahin wird Manfred Dohme noch viele Male mit seinem Kleintransporter zur Kontrolle die Piste hinauffahren, werden die Vermesser aus Plauen noch oft ihre Geräte auf dem Plateau justieren und wird noch so manche Heizung dank Gas aus der Deponie wärmen.

   

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