Oschersleben. Mucksmäuschenstill saßen die Viertklässler der Goethe-Grundschule und lauschten dem Hexen-Einmaleins aus Goethes "Faust". Und beim Zauberlehrling-Rap flüsterten einige den Text versonnen mit.

Ein paar Türen weiter mochten ihre Klassenkameraden die Feder gar nicht wieder beiseite legen, mit der sie wie weiland Altmeister Goethe schrieben und sich dabei sehr geschickt anstellten.

Goethe-Grundschule und Gymnasium hatten gestern Premiere einer sich als erfolgreich erweisenden Zusammenarbeit: 17 Achtklässler unterrichteten die Viertklässler auf sehr unterhaltsame und anschauliche Weise. Darauf haben sich die Gymnasiasten seit September vorbereitet, nachdem Grundschulleiterin Petra Schmidt die Anregung aus einer Weiterbildung aufgriff und im Gymnasium anfragte, ob Interesse am "Lernen durch Engagement" besteht. Es bestand und die Großen waren mit Eifer dabei.

"Lernen durch Engagement" heißt, Schüler tun etwas für andere als Teil von Unterricht und eng verbunden mit dem fachlichen Lernen.

Und so befasste sich eine Gruppe der Gymnasiasten mit Goethes Biografie. Gestern früh drehten die jungen Mädchen Locken, schlüpften in Kostüme, um den Viertklässlern auch optisch die Goethezeit ein bisschen näher zu bringen und traten als Goethe und Schiller, als Christiane Vulpius und Goethes Eltern vor die Klasse, um aus dem Leben des Schulpatrons zu erzählen.

Die zweite Gruppe widmete sich Goethe als Naturforscher. Sie hatte umfangreiches Gepäck mitgebracht: Tinte in Gläsern, vorsorglich mit Servietten darunter, Sand zum Löschen des Geschriebenen und natürlich echte Federn zum Schreiben. Einige Grundschüler hielten am altertümlichen Gerät fest, obwohl sie mit dem Füller den Kontrollfragebogen, den die Gymnasiasten mitgebracht hatten, schneller ausfüllen konnten. Die Feder aber reizte viel mehr.

Auch bei den Naturforschern saß Goethe höchstselbst am Lehrertisch, in Perücke und mit dem Federkiel neben der Kerze schreibend. Er half auch beim Experimentieren: Er hielt das Einweckglas fest zu, in dem ein Teelicht langsam erlosch. Die Grundschüler wussten bereits, warum: Der Sauerstoff fehlt. Und dass danach der Luftdruck das Glas fest verschließt, lernten sie danach.

Den Gymnasiasten war kaum anzumerken, dass sie ein wenig nervös vor die Klasse traten. In der Gruppe hatten sie ja Rückhalt und die das Projekt betreuenden Lehrerinnen Kerstin Hädrich und Heike Fink waren auch noch da. Die hielten das Geschehen mit der Kamera fest und waren stolz auf ihre Schützlinge. "Sie waren sofort von dem Vorhaben angetan. Und einige machten besonders gern mit, weil sie selbst Goethe-Grundschüler waren, Frau Schmidt kennen und gern etwas für ihre alte Schule tun wollten", erzählte Kerstin Hädrich.

Die Situation, dass Kinder von Kindern lernen, war für alle Beteiligten neu, aufregend und schön. Die Gymnasiallehrerinnen konnten schon ankündigen, dass das gestrige Projekt keine Eintagsfliege bleiben soll.

Und die Grundschule will in der Vorweihnachtszeit in Kindergärten gehen, wo die Schüler den Kindergartenkindern Märchen vorlesen, die Erfahrung mit den lehrenden Großen also weiterreichen, berichtete Petra Schmidt.