In der Serie "Neue Fassaden - alte Geschichten" stellt die Harzer Volksstimme historisch interessante Häuser in Wernigerode vor. Mit diesem Thema haben sich auch Heimatforscher wie Dr. Uwe Lagatz und Mitarbeiter der Oskar Kämmer Schule, unterstützt von der KoBa, befasst. Ihre Erforschung fließt in die Beschreibungen mit ein. Der Rundgang führt heute zur Schäferstraße 22.

Wernigerode. Gerade einmal 3,50 Meter ist das Haus Schäferstraße 22 breit. Es ist wie die meisten der benachbarten Gebäude dort im 16. Jahrhundert errichtet worden. Das Erdgeschoss wird von der Haustür und zwei Fenstern verein-nahmt. Das Obergeschoss ragt um eine Balkenstärke hervor.Die Balkenköpfe sind in der Art Bogen, Platte und Schwung gestaltet.

Darüber erhebt sich das zweite Geschoss, bestehend aus drei Andreaskreuzen und darüber je ein Fenster. Recht selten in unserer Region ist das Dachgeschoss mit einem sogenannten Kniestock. Es ist wahrscheinlich später aufgesetzt worden, um zusätzlichen Wohnraum zu schaffen.

55 Zentimeter breiter als Kleinstes Haus

Viel Wohnraum benötigen auch der 35-jährige Tino Blum, seine vier Jahre jüngere Frau Kathleen und ihre Sprösslinge. Die beiden Mieter dieses Hauses, das jetzt dem Blankenburger Matthias Treuthardt gehört, leben dort mit ihren vier Kindern, die jetzt zwischen drei und zehn Jahren alt sind. Da die einstigen Ställe, die sich früher hinter der Fassade befanden, jetzt in das Wohnhaus mit integriert sind, verfügt die sechsköpfige Familie immerhin über 100 Quadratmeter Wohnfläche.

Soviel vermutet wohl niemand, der an diesem schmalen Haus vorbeigeht. Es ist nur 55 Zentimeter breiter als Wernigerodes kleinstes Haus, das täglich viel bestaunt wird.

Das Ehepaar hatte sich vor rund fünf Jahren ganz bewusst für dieses schmale Haus entschieden. Es sollte zentrumsnah und ein Mietshaus sein. Von den jetzigen Nachbarn war die junge Familie auf dieses Gebäude aufmerksam gemacht geworden, das im Jahr 2005 innerhalb von vier Monaten wohnlich gestaltet wurde. Tino Blum, gelernter Maler, und Hausbesitzer Treuthardt, der vier Berufe erlernt hat, darunter auch Maurer, bildeten, wie beide übereinstimmend einschätzen, ein gutes Duo bei der Sanierung. Es entstanden damals vier Kinderzimmer, das Eltern-Schlafzimmer, ein Wohnzimmer und zwei Bäder.

Von soviel "Luxus" dürften die Vorbesitzer nur geträumt haben. Bis zum Jahr 1622 lassen sich die Familien nachweisen, die dort gewohnt hatten, zunächst ein Casper Schudman. In der städtischen Chronik werden auch die meisten Hausbesitzer mit ihren Berufen vermerkt. Nachzuweisen sind zwischen 1832 und 1928 ein Barbier, zwei Fabrikarbeiter, ein Steuereinnehmer, ein Fuhrmann, ein Brauer, ein Arbeiter und ein Maler.

Viel Herzblut in die Sanierung gesteckt

Blums, die nun dort zu Hause sind, wollen dauerhaft in der Schäferstraße wohnen bleiben. Denn viel Herzblut investierte die Familie in ihr Heim, besonders in das Hinterhaus. "Nur bei einem Lottogewinn ziehen wir um", meint Kathleen Blum zunächst, um dann nach kurzem Nachdenken hinzuzufügen "aber nur vielleicht".

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