Schierke l Millionenschwerer Aufwand gegen das Sterben unterm Brocken. Neue Brücken, Straßen samt Parkhaus, ein schicker Kurpark, eine Bummelmeile für Fußgänger, Seilbahn und Abfahrtspisten, noch allerlei mehr sollen Schierke so sehr anhübschen, dass der Niedergang des Brockenorts aufgehalten wird. Man will sich schmücken für Tourismusinvestoren. Fast ein Vierteljahrhundert nach der politischen Wende in der DDR. Endlich.

Erfüllen sich diese Hoffnungen nicht, wird mehr als ein handfester Kater übrigbleiben. Mindestens 40Millionen Euro wollen Europäische Union, Sachsen-Anhalts Landesregierung und die Wernigeröder Stadtverwaltung in den kommenden Jahren investieren. Es ist der gleichermaßen konzertierte wie erklärte Versuch, der Flucht der Jungen aus dem Dorf etwas entgegenzusetzen: Hoffnung, Perspektive, Angebote.

Bis 1990 kannte Schierke keine Zukunftssorgen. Nicht nur deshalb, weil der langgestreckte Ort im Tal der Kalten Bode abgeschirmt im Sperrgebiet des DDR-Grenzregimes lag. Teils nur wenige hundert Meter vom Eisernen Vorhang, von den Menschen im niedersächsischen Harz entfernt. Eine große Grenzkompanie gehörte daher ebenso selbstverständlich zum Ortsbild wie die mächtigen Ferienheime. Dort durften verdienstvolle Arbeiter ihre zwei Urlaubswochen verleben, vor allem aber waren linientreue Genossen die Schierker Gäste.

Seit 1990 fast die Hälfte der Einwohner verloren

Reichlich Arbeit also für die Oberharzer. Es wurde gekocht, geputzt und repariert, die Besucher wollten obendrein unterhalten werden. Industrie? Gab es und gibt es nicht, immerhin einzelne Handwerker. Summa summarum waren im Wendejahr 1108Frauen, Männer und Kinder im Einwohnermeldeamt registriert. Für sie gab es ganz selbstverständlich Kinderkrippe, Kindergarten, ein Schulangebot bis zur 10.Klasse.

22Jahre später steht in der Statistik, es gibt noch 596Schierker. Ein dramatischer Rückgang von 46Prozent, Tendenz weiter fallend. Es gibt keine Schule mehr, im Sommer werden gerade mal fünf Kinder in Wernigerode eingeschult. Viele Junge sind der fehlenden Arbeit wegen weggezogen. Die zahlreichen Grenzsoldaten gibt es nicht mehr, die Ferienheime von vormaligen Staatsorganisationen wie SED, FDJ und FDGB sind lange geschlossen. Als Symbole des Vergangenen mahnen die Hotel-Ruinen. Fast übermächtig ihr Anblick, verbunden mit der Gefahr, die hübschen Ferienwohnungen und Pensionen, ebenso die kleinen Hotels und Gaststätten zu übersehen, die es heute auch gibt.

Natürlich hat es in den vergangenen Jahren Investitionen gegeben, beeilt sich Schierkes Bürgermeisterin Christiane Hopstock (CDU) zu beteuern. Abwasserleitungen und viele Straßen sind erneuert, auch ihre Tourist-Information können sie "vorzeigen". Es gibt dort eine Heimatstube mit historischen Fotos und Pokalen. Sie zeugen von der langen Tradition im Wintersport. Doch Kino, Schwimmbad, ein öffentliches Saunaangebot - Fehlanzeige.

Schierker selbst gehörenzu den Kritikern

Dafür gibt es Natur zur Genüge, sogar erster Güte. Ein Nationalpark umschließt den Ort, und nicht wenige haben zu Beginn der 1990er-Jahre befürchtet, das Schutzgebiet verhindert jegliche Entwicklung. Kein Wunder, dass es Schierker gibt, die dem Verein der Nationalparkgeschädigten angehören. Wernigerodes Touristinformation ist seit der Eingemeindung 2009 für den Brockenort verantwortlich. Gemeinsam mit der Nationalparkverwaltung wird das 40Kilometer lange Loipennetz präpariert. Eine vorsichtige Annäherung auf dem Weg zum vertrauensvollen Miteinander.

Dass die Projekte für alpine Skipisten am Winterberg konkreter werden, dafür Bäume gefällt und ein Speichersee für Schneekanonen angelegt werden müssen, sorgt hingegen nicht nur für eitel Sonnenschein. Naturschützer warnen vor irreparablen Schäden und verweisen auf den Klimawandel. Millionen in den Wintersport zu investieren, halten Kritiker für völlig überholt.

Selbst einige Schierker mahnen, die Tourismuspläne für einen Ort mit knapp 600Bewohnern seien überdimensioniert: Das Parkhaus solle mehr Autos fassen als es Einwohner gibt. Eine überdachte Fußgängerzone erinnere eher an Projekte in Dubai als an Harztypisches.

Wernigerodes parteiloser Oberbürger­meister Peter Gaffert ist der engagierteste Streiter für die Schierker Pläne. Historische Hotels sollten wieder belebt, neue Ganzjahresangebote geschaffen werden, auch im Verbund mit den Niedersachsen. Das könne die Übernachtungszahlen der jährlich 240000Urlauber erhöhen, bedeute mehr Wertschöpfung im Ort, schaffe neue Arbeitsplätze, ziehe Investoren an, so Gaffert.

Nur so bestehe die Chance, den Einwohnerverlust in Schierke zu stoppen. Bis 2018, so sein ehrgeiziges Ziel, ist das neue Schierke herausgeputzt. Ein Millionending.

Mehr zum demografischen Wandel in Sachsen-Anhalt lesen Sie im Volksstimme-Dossier "Das Land im Wandel".

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